"Kinder haben geschrien vor Angst" - Betroffene erzählt vom Hochwasser in der Eifel 

- Sabrina Fuchs
Die Flutkatastrophe in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz hat schon viele Todesopfer gefordert.
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Die Bilder aus den Hochwasser-Gebieten schockieren aktuell ganz Deutschland. Eine Betroffene, die in der Eifel wohnt, hat uns erzählt, wie sie und ihre Familie das Geschehene erlebt haben. 

Christin Pitzen ist alleinerziehend und lebt mit ihren drei Kindern im Alter zwischen fünf und 17 Jahren in Üxheim, einer Ortsgemeinde im Landkreis Vulkaneifel in Rheinland-Pfalz. Der Ort gehört der Verbandsgemeinde Gerolstein an. Das Haus von Christin ist nur wenige Meter vom Ahbach entfernt. Dabei handelt es sich um einen 21 km langen Nebenfluss der Ahr.  

Über Instagram hat sie uns am Mittwochabend schockierende Videos von der erschreckenden Szenerie vor ihrer Haustür geschickt, die wir teils auch auf unserer Facebook-Seite geteilt haben. 

Überflutung in der Vulkaneifel

Am Freitagvormittag hat sie uns dann erzählt, wie es ihr und ihren Kindern geht und wie sie alle das Geschehene erlebt haben. Für Außenstehende, die nicht in der Situation stecken, ist es schließlich kaum nachzuvollziehen, was all die Betroffenen gerade durchmachen. Mit diesen Eindrücken wollen wir einen kleinen Eindruck vermitteln, wie Menschen eine solche Katastrophe erleben. 

"Niemand hat mit diesem Ausmaß gerechnet"

Zu Beginn erzählt Christin, dass es am Mittwochmorgen durchaus Warnungen vor Überflutungen gab. Aus diesem Grund wollte sie mit den Kindern gemütlich Waffeln backen, ein typischer Regentag eben. "Niemand hat mit so einem Ausmaß gerechnet", sagt sie.  

"Ich schaute dann aus dem Fenster und merkte, dass der Pegel vom Bach wirklich sehr, sehr, sehr rasant stieg, also man konnte wirklich dabei zugucken", schildert sie die Lage. Im Ahbach steht das Wasser normalerweise sehr niedrig, "höchstens kniehoch", erklärt Christin. Die Kinder können dort im Sommer sonst ganz entspannt spielen. 

So friedlich fließt der Ahbach sonst. Quelle: Shutterstock

Als das Wasser schließlich bis zehn Zentimeter ans Ufer gestiegen war, parkte sie zum Glück ihr Auto in eine höher gelegene Straße um. Eine gute Entscheidung: Die Autos der Nachbarn seien später weggeschwemmt worden. 

In dem kleinen Ort hat sie ältere Nachbarn, die zwischen 80 und 90 Jahre alt sind und schon immer in dem Ort leben. Niemand von ihnen habe so etwas jemals erlebt.  

Wie andere Menschen die Katastrophe erlebten, siehst du übrigens im Video oben.

"Mir liefen die Tränen, ich bin verzweifelt gewesen"

Als das Wasser schließlich über die Ufer getreten sei, habe man gesehen, wie schnell es sich vor dem Haus ausbreiten konnte. "Mir liefen die Tränen, ich bin verzweifelt gewesen, ich wusste nicht, was ist jetzt", erklärt sie ihre Gefühlslage bei dem Anblick.  

"Ich denke, niemand konnte sich vorstellen, was das für ein Ausmaß nimmt". Als Christin merkte, dass es wirklich ernst wird, habe man keine Chance gehabt, irgendetwas in Sicherheit zu bringen. Sie habe nur noch schnell einen Korb mit Essen und Getränken packen können.

Quelle: Christin Pitzen

"Keine Möglichkeit irgendwo unterzukommen"

Schließlich kam es dann abends zur Evakuierung. Da das Haus hinten höher liegt als vorne, konnten Christin und ihre Kinder das Zuhause selbstständig über die Hintertür verlassen. Sie rannten raus in den Regen. Doch schnell stellten sie sich die Frage: Wohin eigentlich? 

Eigentlich sollten sie in einer Jugendherberge in Gerolstein Schutz suchen. Jedoch sei diese überhaupt nicht erreichbar gewesen, aufgrund der Überschwemmungen auf den Straßen. "Ja, das Ende vom Lied war, dass wir keine andere Möglichkeit hatten, als abends um 21:30 Uhr wieder zurück ins Haus zu gehen", erklärt Christin die Situation. Zu diesem Zeitpunkt stand das Wasser etwa zehn Zentimeter hoch im Erdgeschoss.  Jedoch konnte man schon an den Rändern an der Wand sehen, dass das Wasser langsam zurückging. 

Die ganze Nacht Wache gehalten 

Im Obergeschoss haben sich Christin und ihre Kinder dann verschanzt. Mit ihrem 17-jährigen Sohn hat sie die ganze Nacht Wache gehalten, um im Notfall schnell reagieren zu können. An Schlaf war in dieser Situation natürlich nicht zu denken.  

Natürlich bestand die Angst, dass der Pegel wieder steigen könnte und sich die Situation verschärft. "Die Kinder haben geweint, die haben geschrien vor Angst", schildert sie die dramatischen Momente.  

Dankbarkeit: Christin und ihre Familie hatten noch Glück

Die Nacht hat die Familie zum Glück unbeschadet überstanden, das Wasser ging zurück. Am Donnerstag begannen dann die Aufräumarbeiten und dabei wurde ersichtlich, wie heftig die Fluten wirklich waren und wie viel der sonst kleine, friedliche Bach mit sich gerissen hat. 

Quelle: Christin Pitzen

Ihr eigener Gartenzaun und eine massive Hundehütte vor der Tür sind nicht mehr da. Bei letzterer hat es selbst das Fundament weggespült. Die Umgebung ihres Zuhauses hat sich also plötzlich völlig verändert.

Mehrfach betont Christin in ihren Nachrichten an uns, dass sie noch Glück hatten, die Nachbarn habe es viel schlimmer erwischt. Ihr Haus liegt etwas höher als die umstehenden, das Wasser sei "nur" etwa zehn Zentimeter im Haus gestanden. Bei den Nachbarn seien es 1,5 Meter gewesen. Auf der gegenüberliegenden Seite des Hauses hätten Schafe gestanden, von denen eines ertrunken sei, die restlichen seien in den Wald geflüchtet.

Mit den Sachschäden könne man schließlich leben, immerhin sei niemand körperlich verletzt worden. Bei all den Schicksalen, von denen Christin gerade sonst hört, sei sie glücklich darüber, die Katastrophe so überstanden zu haben. 

Quelle: Christin Pitzen

Riesige Sorgen um Bekannte und Freunde 

Doch nicht nur um ihre Kinder hat sich Christin gesorgt. Schließlich hat sie auch Familie, Freunde und Bekannte im Umkreis, so beispielsweise in Antweiler, eine besonders stark betroffene Region am Fluss Ahr.

Dort gebe es noch immer kein fließendes Wasser, bis Donnerstagnachmittag sei die Gemeinde komplett von der Außenwelt abgeschnitten gewesen. "Natürlich hat man sich da auch Gedanken gemacht: Was ist da los? Geht es den Leuten, die da wohnen noch gut?", beschreibt Christin diese Ungewissheit. "Es ist wie in einem Horrorfilm". Normalität werde in der Region so schnell nicht wieder einkehren. 

Große Hilfsbereitschaft in der Nachbarschaft 

"Die Nachbarschaftshilfe ist hier wirklich immens groß", erklärt Christin. Die weniger Betroffenen versorgen die anderen mit Nahrungsmitteln, die Männer sind unterwegs und räumen Eingänge frei oder helfen anderweitig, wo sie gebraucht werden. 

Dennoch hat Christin gleichzeitig das Gefühl, dass Menschen, die es nicht getroffen hat, ihre Lage nicht nachvollziehen können. So ist es für sie unverständlich, dass Menschen in Gemeinden nur wenige Kilometer weiter schon wieder ungetrübt Tennis spielen oder Essen gehen, nur weil sie eben nicht von den Fluten beeinflusst wurden. 

Dass die Betroffenen jedoch noch lange mit der Lage zu kämpfen haben werden, sollte beim Anblick der Videos und Bilder klar sein.

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