Ende der Wetter-Extreme

- Kai Zorn
Ende der Wetter-Extreme
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Hitze, Trockenheit, Unwetter: Das Wetter brachte uns in den letzten Monaten viele Extreme.

Hitze und Unwetter verfolgen uns schon seit April. Viele Rekorde wurden gebrochen. Doch nun naht die Umstellung der Großwetterlage. Kai Zorn blickt voraus.

Derzeit liest man allerhand Stilblüten und Interpretationen über das Doppelpack April/Mai mit seinen Temperatur-Rekorden. Ich muss zugeben, dass ich mit solch hohen Abweichungen nicht gerechnet hatte. Dass der April auf Sommer geht, hatte ich auf dem Schirm und auch dass der Mai viele Hochs auf Lager haben wird - doch die Auswirkungen hatte ich unterschätzt.

Wolken verhindern nachts eine Auskühlung

Bei den gemittelten Temperaturen spielen nicht immer nur die Höchstwerte eine Rolle, sondern oft auch die Nachtwerte. Verhindern feucht-warme Luftmassen mit Wolken eine Auskühlung, werden die Mittelwerte ganz schön nach oben gepuscht. Erinnern wir uns an manch (gefühlt) schlechte Sommer, die dann deutlich zu warm ausfielen, obwohl sie alles andere als "schön" waren. Das beste Beispiel dafür ist der Sommer 2002. Mit einem Mittel von 18,0 Grad gehört der Sommer in die wärmste Kategorie, war aber wechselhaft und nass mit seinen großen Fluten im August. 

Ich will um Himmels Willen die neuen Rekorde nicht herunter reden oder spielen. Sie sind einfach ein Relikt unserer heutigen Zeit. Persönlich finde ich das - wie man in Bayern sagt - "G'schaftige" (Wichtigtuerische) so nervig. Die einen sagen, dass man den Klimawandel nicht mehr leugnen könne, andere meinen, dass das ein Indiz für den Hitzesommer 2018 ist, der heißer wird als 2003, etc. Ach, dann sind da ja noch die Gewitter, die es noch nie gegeben hat mit deren Auswirkungen = Überflutungen. Und am Ende kommt heraus: "Das Wetter spielt verrückt."

Nicht vergessen: Das Klima schwankt immer

Ordnen wir das Ganze einmal ganz nüchtern ein, ganz nüchtern. Machen wir zuerst aus dem Klimawandel eine Klimaschwankung. Das Klima schwankt immer. 

Das Moderne Wärmeoptimum liegt in guter Gesellschaft mit dem Mittelalterlichen Wärmeoptimum und mit dem Optimum der Römerzeit. Und ginge man sogar auf die extrem starke Sonne, die wir seit den 1940er Jahren haben, dann müssen wir sogar 8000 Jahre zurückgehen, um eine solche solare Power wiederzufinden. Anno dazumal begann übrigens eine Warmphase, in der dort, wo in den Alpen jetzt noch Gletschereis vorhanden ist, Wälder zu wuchsen.

In den Warmzeiten (Mittelalterliches Wärmeoptimum, Optimum der Römerzeit) war es so warm, dass in manchen Jahren die Kornernte sogar zweimal eingeholt werden konnte. Schade, dass es damals noch keine Daten gab...

Ich möchte das alles nicht bewerten, sondern nur aufzeigen: Zu gewissen Zeiten (Klimaepochen) gab es gewisse Auswirkungen bei der Witterung und beim Wetter. Und ja, so warm wie derzeit war es wohl zuletzt in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts und ca. bis zum 14. Jahrhundert, bevor die erste Welle der Kleinen Eiszeit begann.

Das Wetter spielt nicht verrückt - im Gegenteil

Und jedem, der da mit "g'schaftelt" rate ich: Wir schauen nicht von der Tapete bis zur Wand, sondern ein bisschen weiter. Das macht das Ganze entspannter und wir lernen: Das Wetter spielt null Komma null verrückt - im Gegenteil: Das Wetter ist so unter diesen Voraussetzungen. Was sich verändert, sind die Auswirkungen - und daran sind wir größtenteils selbst schuld (Bauland in Naturauen, Flussbegradigung, Monokulturen, etc.).

Wir müssen das ungefähr so vergleichen: Wenn ich eine Wetterkarte anschaue für den morgigen Tag, kommt eine Prognose x heraus. Die macht heutzutage der PC und kommt als App heraus. Das kann daneben liegen. Wenn ich mir aber die Modellläufe der Vortage ansehe, andere Modelle, die Unterläufe der Modelle und die Witterung der Vortage begutachte, kann eine gänzlich andere Prognose heraus kommen = das große Ganze.

Warmzeiten waren Blütezeiten der Epochen

Wie im Kleinen, so im Großen. Drum bleiben wir mal auf dem Teppich und schalten einen Gang zurück. Die eben mehrfach erwähnten Warmzeiten waren die Blütezeiten der jeweiligen Epoche mit einer hohen Population und dem Aufstieg der Gesellschaften. Die Kaltzeiten wie dem Pessimum der Völkerwanderungszeit und der Kleinen Eiszeit lagen gesellschaftliche Umbrüche, Hungersnot, Krieg, Aus- und Abwanderungen und eine starke Dezimierung der Gesellschaften bzw. der Zerfall ganzer Gesellschaften zugrunde. 

Soweit der Exkurs. Ich finde dieses Thema nicht nur spannend, sondern auch immens wichtig, weil wir uns hier und heute einfach viel zu wichtig nehmen und auf etwaige Sensationen aus sind, statt einfach mal über Nachhaltigkeit, Dankbarkeit und Einklang mit der Natur nachzudenken. Und um den Dreh wieder zum Wetter zu finden: Es ist alles gut, nichts spielt verrückt. Es ist Wetter und eine Witterung wie sie es schon zuhauf gegeben hat und immer geben wird.

Extrem-Hitze-Sommer 2018 eher eine Fata Morgana

Und meines Erachtens wird der von einigen angedrohte und am Horizont aufziehende Extrem-Hitze-Sommer als Fata Morgana erweisen - zumindest in diesem Jahr. Es kann schon sein, dass wir in den kommenden gut 15 Jahren einen Sommer bekommen werden, der den 2003er Sommer blass aussehen lässt, aber nicht in diesem Jahr. Wie ich darauf komme, können wir gerne in der nächsten Ausgabe besprechen, sonst kommen wir gar nicht mehr auf 2018 zu sprechen. ;)

Wir haben und hatten letztens schon darüber gesprochen, dass der Sommer 2018 eher ins Mittelfeld geraten wird. Das sagte ich auch in der aktuellen Juli-Prognose, die Ihr Euch hier im Video noch einmal anschauen könnt.

Juli-Prognose: Hitzemonat ja oder nein?
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Rein statistisch sind wir mit der ersten Juni-Dekade auf absoluten Rekord-Kurs. Wäre jetzt der Juni zu Ende, würde er den Rekord-Juni 2003 auf den 2. Platz verweisen. Wird er aber am Ende nicht.

So laufen die Berechnungen der Wettermodelle

Wie schaut es denn aus? Seit der letzten schriftlichen Kolumne gab es viele Modell-Berechnungen. Wie die meisten von Euch wissen, gibt es das amerikanische GFS-Modell, das bis zu 16 Tage im Voraus rechnet und das europäische ECMWF-Modell 10 Tage und in einer Sonder-Version 4 Wochen. Letzteres ist, ähnlich wie das NOAA-Modell, eine Trend-Prognose. 

Wir bleiben bei den 16 bzw. 10 Tagen. Beide Modelle verfügen über einen Hauptlauf und Unterläufe. Der Hauptlauf zeigt sich in den Apps und im Modell-Output, die Unterläufe in den Ensembles und in den gemittelten Wetterkarten. Die jeweiligen Hauptläufe sind gerne die Trendsetter, weil sie über etwas mehr und etwas bessere Daten verfügen. Die grobe Richtung gibt das Mittel aller vor.

Wie lange gibt es kühleres Wetter im Juni 2018?

Die vergangenen Hauptläufe des GFS-Modells zeigten zuletzt hinten raus (Tag 10 plus x) oft extreme Lösungen. Meist wurden sehr kühle und nasse Lagen gezeigt, ab und zu eine Fortführung der vergangenen warmen bis heißen Witterung. Nach einem Knick in der Woche vom 11. bis 18. Juni sollte es dann wieder aufwärts gehen. Der Knick könnte damit eine abgespeckte Version der Schafskälte sein.

Das GFS-Modell war im Hauptlauf recht allein mit seinen Abkühlungstendenzen. Die Unterläufe zeigten weiter Wärme bzw. Hitze. Das europäische ECMWF-Modell wollte ursprünglich auch nach einem nur kleinen Knick eine Fortführung von Sonne und Wärme bzw. Hitze.

Die Modelle sind nun ein wenig "gekippt". Die "kühlere" Phase in der kommenden Woche soll nun etwas länger anhalten als anfangs mal geplant. Das ECMWF zeigte ein seinen letzten Läufen gerne mal eine Westlage am Rande des Azorenhochs, ebenso das GFS-Modell. Andere Modelle und Vorläufe zeigen aber eine sehr warme bis heiße Süd- bis Südwestlage nach Mitte Juni.

Umstrukturierung der Großwetterlage beginnt

Grund dafür ist ein Rudern der Modelle durch den Beginn einer Umstrukturierung der Großwetterlage. Die bisher für uns zuständigen Hochs über Nordeuropa danken langsam ab und das mächtige und am richtigen Platz liegende Azorenhoch übernimmt die Regie.

Jetzt kommt es darauf an: Wo liegt das "Partner-Hoch" des Azorenhochs?

Gibt es keines, wird es kühl. Liegt es über dem Mittelmeer, kommen wir in eine westliche Strömung mit wärmeren Phasen im Süden, kühleren im Norden. Liegt das Hoch über Mittel- und Osteuropa, wird es (schwül-)heiß.

Baut es sich wieder über Skandinavien auf und verbinden sich die Hochs, dann setzt sich die Witterung der letzten Wochen und Monate fort.

Um die Verwirrung zu komplettieren: Die Vier-Wochen-Version des ECMWF-Modells fährt die sehr warme bis heiße Schiene mit einer ausgeprägten Hitzewelle nach Mitte Juni bis zum kalendarischen Sommeranfang bzw. bis zur Sommersonnenwende. Das Schwestermodell des GFS, das CFS (Langfristmodell) rudert seit Tagen gewaltig hin und her zwischen neuerlicher Hitze und einem Totalabsturz. 

So oder so: Es beginnt nun ein Zeitraum, in dem sich die Wetterküche um- und dann einstellt. Die Umstellung erfolgt gerne um Mitte Juni herum, plus/minus zwei Wochen, um sich dann in der Siebenschläferzeit in der Regel eingerenkt zu haben. Der nächste Umstellungszeitraum folgt dann klassischerweise um Mitte August. 

Wettermodelle können derzeit keine klare Aussage treffen

Wir werden von den Modellen derzeit keine klare Aussage darüber kriegen, wie es weitergehen wird. Die Wiederholung der Wetterlagen von Februar bis Mai sollte jedoch erst einmal vom Tisch sein. 

Wie eben schon angedeutet, wird das Azorenhoch mit allen Konsequenzen die Sommerregie übernehmen. Und dieses Hoch wird einen oder mehrere, vielleicht auch wechselnde Partner haben. Allein diese Tatsache sagt aber schon: Es lebe die Wechselhaftigkeit!

Fazit: Extrem hohes Temperaturniveau gerät ins Wanken

Fassen wir noch mal als Fazit zusammen: Das extrem hohe Niveau der Temperaturen der vergangenen 8 bis 10 Wochen gerät ins Wanken, ebenso die Großwetterlage. Eine gewisse Umstellung beginnt. Über deren Auswirkungen können wir nur spekulieren. Tendenziell sieht es nach einer wellenförmigen Veränderung in Richtung Wechselhaftigkeit aus. Sollte sich nach der Abkühlung zwischen dem 11. und 18. Juni im Anschluss eine heiße Süd- bis Südwestlage aufbauen, könnte das sogar die heißeste Phase des gesamten Sommers sein. Das wäre dann typisch für Sommer, die in der ersten Saisonhälfte stattfanden. 

Und noch kurz die Sonnenflecken-Frage (11-jähriger Schwabe-Zyklus): Der einzige Sommer in der Neuzeit, der es geschafft hat, ein von Hochdruck dominiertes und warmes Frühjahr und einen Hitzesommer aufs deutsche Parkett zu zaubern, war der Sommer 1947 nach dem Hungerwinter 1946/47. Dieser fand zur Zeit eines Sonnenflecken-Maximums statt. Alle Kollegen aus den vergangenen Jahrzehnten mit sonnig-warmem Frühjahr und wechselhaft-nassem Sommer in der Folge fanden vor oder nach dem Sonnenflecken-Minimum statt bzw. 1993 nach dem Maximum. Bemerkenswert heiße Sommer finden wir häufig in der zweiten Hälfte der Sonnenzyklen bzw. kurz vor seinem Ende. Das waren jüngst 2015, 2006, 1994, 1992 sowie 1983 und 1976.

Dazu dann beim nächsten Mal mehr. Und auch so viel kann ich als Ausblick schon mal verraten: In der kommenden schriftlichen Ausgabe meiner Kolumne wollen wir mal wieder die "von der Tapete bis zur Wand-Denker" ein wenig ärgern und ein bisschen über die kommenden Monate und deren Großwetterlagen spekulieren. ;)

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