Vor 70 Jahren: Als das Wetter noch geheim war

- Alexander Marx
Vor 70 Jahren: Als das Wetter noch geheim war
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Vor 70 Jahren, am 6. Juni 1944, landeten die Alliierten Streitkräfte mit rund 6000 Schiffen und 170.000 Soldaten in der Normandie und leiteten damit die entscheidende Wende im Zweiten Weltkrieg ein. Von ausschlaggebender Bedeutung für das Gelingen der von Briten, US-Amerikanern und Kanadiern durchgeführten Militäroperation "Overlord" war damals die Wettervorhersagekunst einiger weniger Meteorologen.

Die Wettervorhersagen für den 5. Juni und vor allem für den entscheidenden 6. Juni 1944, den D-Day, sind vielleicht die wichtigsten meteorologischen Prognosen, die jemals erstellt wurden. Und was man sich heute kaum noch vorstellen kann: Wetterbeobachtungen und -vorhersagen unterlagen damals der höchsten Geheimhaltungsstufe.

Erst vor kurzem wurden die deutschen Originalkarten von damals im Archiv des Deutschen Wetterdienstes (DWD) entdeckt.
 
Alliierte Wetterdienste gegen Zentrale Wetterdienstgruppe
Auf der Seite der Alliierten waren an den Prognosen gleich drei Wetterdienste beteiligt, das britische "Met Office", der Wetterdienst für die britische und US-amerikanische Kriegsmarine und der Wetterdienst für die US-amerikanische Luftwaffe. Dem britischen Chefmeteorologen James Martin Stagg fiel die Aufgabe zu, aus den teilweise unterschiedlichen Vorhersagen die richtige herauszufinden.

Im Deutschen Reich war die erst 1938 gegründete "Zentrale Wetterdienstgruppe" (ZWG) in Potsdam für die Bereitstellung wichtiger Karten und Daten für das Oberkommando der Wehrmacht und der deutschen Luftwaffe zuständig. Die deutsche Generalität glaubte aufgrund der von der ZWG durchaus befriedigend prognostizierten, insgesamt eher ungünstigen Wettersituation nicht an eine Landung während dieser Woche im Juni 1944.

Inzwischen ist ziemlich sicher, dass die Vorhersagen der alliierten Meteorologen zwar insgesamt widersprüchlich waren, auf der Basis besserer Daten jedoch eine Einschätzung leichter fiel. "Overlord" wurde schließlich auf den 6. Juni verschoben, den besten Tag der gesamten Woche. Die Landung und die Bildung eines ersten strategischen Brückenkopfes gelang - wenn auch unter schweren Verlusten.

Die Zentrale Wetterdienstgruppe hatte zur Aufgabe, rund um die Uhr die Wettersituation in Europa und auf der ganzen Nordhemisphäre zu analysieren. Sie war mit hochkarätigen Experten besetzt, darunter Dr. Richard Scherhag, Dr. Horst Philipps, Dr. Hermann Flohn und Prof. Dr. Ludwig Weickmann. Man erstellte viermal täglich Wetterkarten für den europäischen Raum und Vorhersagen für alle Kampfgebiete, die natürlich alle der Geheimhaltung unterlagen. Täglich gab es in Wildpark bei Potsdam morgendliche Lagebesprechungen mit dem Generalstab der Deutschen Luftwaffe.

Deutsche Originalwetterkarten des Jahres 1944 aufgetaucht
Erst vor kurzem wurden in den Archiven des Deutschen Wetterdienstes fast alle der damals noch mit Hand gezeichneten und kolorierten originalen Wetterkarten gefunden. Das für Historiker spannende Material umfasst nahezu 25 laufende Meter im Format DIN A 1. Enthalten sind auch nordhemisphärische Karten sowie weitere Dokumente, wie Großwetterlagenberichte und sogar nachgearbeitete Analysekarten aus dem ersten Weltkrieg.
 
Die Deutsche Meteorologische Bibliothek des DWD hat digitale Kopien der wiederentdeckten Arbeitswetterkarten vom Juni 1944 mit ähnlichen Karten des britischen Wetterdienstes ausgetauscht. DWD-Bibliotheksleiter Dr. Jörg Rapp: "Beim Vergleich der Arbeitskarten der ehemaligen Gegner fällt sofort auf, dass der deutschen Seite zu dieser Zeit überraschend viele Wettermeldungen aus weiten Teilen des europäischen Kontinents zur Verfügung standen, nämlich aus dem ganzen ehemaligen Einflussbereich des Deutschen Reiches, einschließlich Informationen von Wettererkundungsfliegern und U-Booten. Sogar entschlüsselte russische Daten konnten genutzt werden." Über den Britischen Inseln sind die Karten der deutschen Seite jedoch nahezu leer.

Alliierte hatten den deutschen Wettercode längst geknackt
Met Office-Archivarin Catherine Ross ergänzt: "Die Karten der Alliierten beinhalten eine Fülle von Beobachtungsdaten aus ganz Großbritannien und Europa. Dazu kommen noch einige Daten, die aus Wetterbeobachtungen auf dem Atlantik gewonnen wurden. Die Alliierten kannten den deutschen Wettercode - der deutschen Seite war es jedoch nicht gelungen, die Codes der Alliierten zu knacken. Daher lagen Ihnen mehr oder weniger keine Beobachtungswerte für Großbritannien und die umliegenden Seegebiete vor." Die Meteorologen der Alliierten konnten anhand ihrer besseren und viel genaueren Informationen das passende Wetterfenster erkennen und für die Operation Overlord nutzen. Dieser Informationsunterschied brachte den Alliierten für den D-Day einen entscheidenden Vorteil.

In der Deutschen Meteorologischen Bibliothek kann eine Vielzahl von englisch- und deutschsprachiger Literatur zu den Wettervorhersagen anlässlich des D-Days eingesehen werden, darunter auch bisher unveröffentlichtes Material und Nachrechnungen der damaligen Wetterlage.

(Quelle: DWD)

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