Kai Zorn: Bekommen wir 2019 einen "Azorenhoch-Sommer"?

- Kai Zorn
Kai Zorn: Bekommen wir 2019 einen "Azorenhoch-Sommer"?
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Der Sommer 2019 wird laut Kai Zorn neben Hitze auch mehr nasse Phasen bringen als sein Vorgänger.

Über den Verlauf des Sommers 2019 wird viel spekuliert. Kai Zorn ist der Meinung, dass der letztjährige Sommer an Hitze und Dürre nicht getoppt wird. Zudem erwartet er vermehrt Gewitter.

Irgendwie habe ich den Eindruck und werde das Gefühl nicht los, dass es nur noch um Superlative geht. Aus jedem Gewitter wird ein Unwetter mit im Schlamm versinkenden Autos, aus jedem Dauerregen wird Hochwasser gemacht mit Häusern, die im Wasser stehen und nun soll also der Sommer 2019 den Sommer 2018 übertreffen. Wenn jetzt bald schon die Kinderzeitschriften der Volks- und Raiffeisenbanken oder der Sparkasse mit Sommerprognosen daher kämen, würde mich das nicht mehr wundern.

Wie "einfach" habe ich doch meine Kindheit verbracht. Wenn es im Sommer sonnig und heiß war, hieß es: "Setz den Cappy auf und creme dich ein", wenn es regnete (im Sommer bei unter 15 Grad - ja, das gab's!), hieß es: "Zieh' deine Jacke an und mach dich nicht wieder von oben bis unten nass. Das ist sonst die 3. Montur!" und im Winter hieß es, wenn wir im Schnee spielten, "Wenn die Laternen angehen, kommt ihr bitte rein." Das Krasse an der Sache ist: Wir haben es erlebt und vor allem überlebt.

Heute würde es heißen: "Extreme Hitze! Hier drohen schwere Unwetter", "Der November möchte bitte aus dem Juli abgeholt werden", "Gibt es keine Sommer mehr? Der Klimawandel ist schuld", "Schneechaos! Müssen wir jetzt öfter mit Schnee rechnen?" - oder so ähnlich. Dabei ist es Wetter, einfach nur Wetter. Ein Wetter wie es immer war und immer sein wird. 

Weg von reißerischen Schlagzeilen

Und so besinne ich mich einfach wieder auf das zurück, was mich seit meinem 2. Lebensjahr fasziniert, nämlich das Wetter. Und viel Wetter in der Summe, vereinfacht dargestellt, ist Klima. In warmen Zeiten gibt es mehr die Wettereignisse X, in kalten Zeiten mehr Wetterereignisse Y. Und die einzelnen Extremereignisse geben die Rahmenbedingungen vor.

In warmen Zeiten sind es im Sommer Hitze und Trockenheit und im Winter Schneelosigkeit und wenig Frost und in kalten Zeiten sind es nasse und sehr kühle Sommer mit Schnee im Gebirge und im Winter Eiseskälte. Und wenn wir uns die extremsten Rahmen ansehen, die wir schon in Mitteleuropa gehabt haben, dann ist es - um mal den Mai als Referenz zu nehmen - auf der warmen Seite die Obsternte im Mai und auf der kalten Seite die noch zugefrorenen Gewässer. Und man höre und staune: Die Menschheit hat es überlebt…

Mir geht es also nach wie vor um den Inhalt und die Liebe zum Wetter. Und natürlich kribbelt es, wie jedes Jahr, in den Fingern: Wie geht es denn nun langfristig weiter? Im lauten Getöse sämtlicher "AccuWeather"-Nachläufer (Stichwort: Wir bekommen einen Extremsommer 2019) wird es in der eigentlichen Sache still. Die Stille nutzen wir und ordnen die aktuelle Lage mal ein:

Peak in der aktuellen Warmzeit ist vorbei

Wir befinden uns -  oh Wunder - im Modernen Klimaoptimum = Warmzeit. Innerhalb dieses Optimums haben wir einen Peak hinter uns. Solche Peaks gibt es nahezu in jedem Jahrzehnt, nach oben und nach unten. Beim Wärmerwerden klettern sie hoch, beim Kälterwerden runter. Wir hatten beispielsweise nach den schloddrig-kalten Sommerjahrzehnten Anfang des vergangenen Jahrhunderts in den 1930er und 1940er Jahren viele warme bis heiße Sommer mit dem Höhepunkt des Hitzesommers 1947.

Die 1970er und 1980er Jahre brachten ebenfalls schloddrige Sommer und anschließend gingen die Sommer hoch. In den 1990er Jahren waren das die Sommer 1992 und 1994 sowie der Hoch- bzw. Kernsommer 1995, im Folgejahrzehnt natürlich 2003 und im aktuellen Jahrzehnt stechen die jeweiligen Doppelpacks 2013/15 und 2016/18 hervor. (2017 war auch sehr warm, in 2016 gab es jedoch den großen September noch dazu.) Das aktuelle Jahrzehnt glänzt schon mit einem Sommerdurchschnitt von 17,8 Grad. Damit liegen wir um 1,5 Grad über dem Mittel von 1961-90 und 2,1 Grad über dem Mittel der Sommer von 1977 bis 1981, den Gruselsommern schlechthin.

Das kälteste Sommer-Jahrzehnt waren übrigens die Sommer 1918-1927 mit 15,7 Grad - also wie die Gruselsommer 1977-81. Etwa 12 Jahre später stieg damals das Sommermittel um 1,1 Grad an und  sank dann in den 1950er Jahren wieder um rund ein Grad ab. Was ich damit sagen will: Der Anstieg ist keine Einbahnstraße und mit einer hohen Wahrscheinlichkeit haben wir den Zenit mit 2018 für diese Epoche, für dieses Jahrzehnt, erreicht und/oder überschritten.

(All diese Mittel gelten für den meteorologischen Sommer 1. Juni bis 31. August.)

Darum wird der Sommer 2019 nicht heißer und trockener als 2018

Eine extreme Ausnahme-Jahreszeit wie der Sommer 2018 baut sich auf einem Warmzeit-Boden und mit einer Wärme-Epoche-Düngung auf. Dieser große Auswuchs verwelkt aber dann auch wieder. Er zieht noch einige warme Monate nach, aber wächst nicht mehr über sich hinaus. Und so ist es unwahrscheinlich, dass der Sommer 2019 (meteorologisch) den Sommer 2018 toppt. Die Monate Mai bis September oder gar April bis September wird er definitiv nicht mehr auf die Kette kriegen. 

Ausnahme-Jahreszeiten wie der vergangene Sommer haben ihre eigenen Regeln und setzen sich über alles hinweg. Sonst aber gibt es schon eine Reihe von Regeln und Mustern, die immer wieder und gerne zutreffen. Ein "schlechtes Omen" ist beispielsweise ein rasches und starkes Aufbäumen von Hitze bis Mitte Juni, also zu der Zeit, in der die Schafskälte stattfinden "sollte". Die Schafskälte stellt einen letzten markanten Polarluftvorstoß aus Nordwest bis Nord der auslaufenden Wintersaison dar, der die einst einmal frisch geschorenen Schafe frieren ließ. Kommt die Schafskälte vor dem 20. Juni recht markant, steigen die Chancen auf einen "guten" bzw. sonnig-heißen Hochsommer. Kommt zu dieser Zeit eher große Wärme, hat das in der Regel wechselhafte(re) Folgen. 

Aktuelle Wetterlage bringt rasche Umstellung auf Hitze

Jetzt, Anfang Juni, wölbt sich erstmals in dieser Saison Hitze zu uns auf. Diese kommt nicht durch die große Umstellung der Wetterlage wie zum Beispiel der langsame Aufbau eines großen Hochdruck-Systems, wie einer "Omega-Lage", sondern durch das fragile Zusammenspiel eines Tiefs westlich von uns und eines Hochs östlich von uns. Eine rasche Umstellung von kühl auf warm bis heiß und schwül ist die Folge. 

Wir hatten uns vor einiger Zeit mal über die möglichen Großwetterlagen des Sommers unterhalten - die Unterschiede der Großwetterlagen 2018 und 2019. Und genau darauf wird es hinauslaufen: Wir werden es mit 3 Hochs zu tun bekommen. Hoch 1 ist das alt bekannte Azorenhoch, Hoch 2 das Kontinental-Hoch östlich von uns und Hoch 3 das Nordeuropa-Hoch. Genau in der Reihenfolge, in der wir es benennen, wird auch die Stärke und die Gewichtung liegen: Das Azorenhoch wird den Sommer über den Ton angeben. Die anderen beiden Hochs sind Mitspieler, aber keine Hauptakteure wie 2018.

Kai Zorns Sommerprognose: Mehr Abwechslung als 2018
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Sommer 2019 wird einen Absturz hinlegen

Der Sommer 2019 wird, gemessen an 2018, ein Absturz hinlegen und gemessen an unserem Jahrzehnt gut im Schnitt liegen. Der Juni wird voraussichtlich in der ersten Hälfte noch weit überdurchschnittliche Temperaturen bringen, die eine 16 vor dem Komma am Schluss verhindern wird.

Ich rechne damit, dass sich um Mitte Juni bis Ende Juni, also zur Siebenschläferzeit, die Wetterlage langsam umstellt auf eine Azorenhoch-Lage. 

Azorenhoch nicht für Sonne und Hitze verantwortlich

Wir müssen an dieser Stelle mal wieder klären, wie die Druckgebilde auf der Nordhemisphäre, also der Nordhalbkugel, funktionieren: Um ein Hoch herum fließt die Luft im Uhrzeigersinn. Wenn nun das Azorenhoch an der Stelle liegt, an der es liegen soll, nämlich bei den Azoren, dann kommt die Luft bei uns aus nordwestlichen Richtungen, also vom Atlantik und von der Nordsee. Das ist nicht heiß.

Es wird mehr oder weniger jedes Jahr gesagt, dass ein Azorenhoch Sonne und Hitze bringt und es ist jedes Jahr falsch. Ein Keil des Azorenhochs bzw. ein Ableger des Azorenhochs, das so genannte Kalben, bringt Sonne und Wärme bzw. Hitze. Das Azorenhoch selber kann das nicht. Es kann sich verschieben und es kann auch ganz woanders hinziehen wie nach Nordeuropa. Dann ist es aber kein Azorenhoch mehr ;).

Siebenschläfer bleibt 2019 ohne große Bedeutung

Ich möchte auch dem Siebenschläfer bzw. der Siebenschläferzeit in diesem Jahr nicht allzu viel Bedeutung zukommen lassen. Und Freunde, es wird auch wieder der Tinnef mit der Kalenderreform von Papst Gregor kommen und dass wir 10 Tage drauf rechnen müssen. Auch das ist falsch. Wenn, dann wären es ein paar Tage, aber keine 10. Fakt ist aber, dass sich gerne mal das Blatt um Ende Juni/Anfang Juli wendet. 

Warum zu dieser Zeit? Weil sich die Kälte des vergangenen Winters im Norden weitgehend abgebaut und die Wärme im Süden vollends aufgebaut hat. Die Temperatur-Unterschiede nehmen ab, der Unterschied zwischen von der Sonne aufgeheiztem Kontinent und nicht mehr so kalten Meeren ist ebenfalls schwächer geworden, es kehrt Ruhe in der Wetterküche ein. Gerne renken sich die Großwetterlagen nun ein und wabern vor sich hin. 

Wechselspiel bringt häufiger mal (starke) Gewitter

Und diese Waberei bringt uns ein Wechselspiel aus kühleren Phasen mit atlantischen Grüßen, dem Aufbau hohen Luftdrucks über Mitteuropa mit moderat-warmem Sommerwetter und wenigen Gewittern und dann wieder eine schwül-warme bis heiße Gewitterlage am Rande des Kontinental-Hochs. Das Nordeuropa-Hoch, als Grundlage für eine Omega-Wetterlage, wird nur flatternd aktiv - am ehesten zu den Hundstagen im August. 

Um eine Zahl abzugeben: Ich setze auf einen Sommer, der um das Mittel von 17,3 Grad liegen wird und damit ein Grad höher als das Mittel der Jahre 1961-90 und ungefähr auf dem Mittel der vergangenen 30 Jahre weilt (1989-2018: 17,4 Grad).

Das wäre dann ein guter Sommer, der zwar nicht den medialen Ansprüchen Rechnung trüge, wohl aber vieles ermöglicht: Badewetter, Biergartenwetter, Grillwetter, Heuwetter, Urlaubswetter, auf der anderen Seite aber auch regelmäßig Regen - mal in der Form von durchziehenden Regenfronten, besonders ergiebig wären Luftmassengrenzen, mal in der Form von Schauern und Gewittern. Und ja, es werden sicherlich auch Unwetter dabei sein. Aber nicht jedes (Sommer)Gewitter ist und wird ein Unwetter.

Wir werden aber sicher mit mehr Gewitterfronten in diesem Jahr zu tun haben als im vergangenen Sommer, da öfter mal Kaltfronten von Nordwesten her mitmischen werden, die die vorhandene Wärme und/oder (schwüle) Hitze wegräumen. 

Lasst mich/Lassen Sie mich noch etwas zu den mitteleuropäischen Sommern sagen. Wie eingangs erwähnt, es gibt eine große Brandbreite an Sommern in Mitteleuropa. Von fiesen und kalten Regensommern mit Schnee im Hochgebirge und wachsenden Gletschern bis hin zur Wüstenhitze und -dürre mit versiegenden Brunnen und ausgetrockneten Flüssen gab es alles schon.

Die Steinerne Brücke in Regensburg wurde in einem trocken-heißen Sommer vor knapp 900 Jahren gebaut, wo in Europa die Wälder brannten, und vor 200 Jahren flüchteten die Almbauern aus den alpinen Hochtälern, weil die Gletscher krachend-walzend Hof und Gut zermalmten. Man stelle sich mal die Menschen von damals vor, was sie über uns sagen würden, weil wir übers Wetter jammern…

In diesem Sinne wünsche ich Euch/Ihnen allen einen angenehmen Sommer 2019!

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