Warmer Nordpol - Klimawandel in der Arktis

Mo 28.11.16 | 17:22 Uhr - Hannes Tobler
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Warmer Nordpol - Klimawandel in der Arktis
© Climate Change Institute/ University of Maine
In der Arktis ist es viel zu warm, in Sibirien, Alaska und Grönland zu kalt.

Der Klimawandel schreitet voran, nirgends sieht man dies so klar wie an den Polen. Die Luft- und Wassertemperaturen sind ungewöhnlich warm und die Eisfläche so klein wie noch nie im November.

Was konnte man in den vergangenen Wochen nicht an Schlagzeilen über den ungewöhnlich warmen Nordpol in den Boulevardzeitungen finden: “Die Arktis glüht“ oder “Schock-Werte in der Arktis“. Die Frage, die sich viele Leser stellen, ist ob diese Schlagzeilen übertrieben sind oder nicht. Wetter ändert sich, auch am Nordpol! Nach einem sehr warmen November könnte es beispielsweise einen kalten Dezember geben und die Eisfläche wieder auf Normalgröße anwachsen lassen. Aber das Ganze ist doch etwas komplizierter und bringt schwer abschätzbare Folgen für das Weltklima. 

Das Zeitalter des Klimawandels hat bereits begonnen

Bevor wir die aktuelle Warmwetterphase am Nordpol betrachten, muss man sich im Klaren sein, dass der Klimawandel bereits begonnen hat und wir uns schon seit einigen Jahrzehnten in einer Epoche mit sich ständig übertreffenden Durchschnittstemperaturen befinden. Das Jahr 2016 ist keine Ausnahme, es wird global gesehen das heißeste Jahr seit Aufzeichnungsbeginn. 

Windzirkulation brachte dem Polarmeer extrem viel Wärme

Diesen Herbst befand sich über Skandinavien oft ein sogenanntes Blockierendes-Hoch. Dieses Hoch hat Deutschland durchschnittlich einen leicht zu kalten Oktober gebracht. Durch das blockierende Hoch konnte das Island-Tief nicht weiter nach Westen wandern und blieb für relativ lange Zeit über dem nördlichen Atlantik. Tiefs drehen sich auf der Nordhalbkugel gegen den Uhrzeigersinn (zyklonal). Um ein Hochdruckgebiet strömt die Luft auf der Nordhalbkugel hingegen im Uhrzeigersinn (antizyklonal). So sind im Oktober enorm warme Luftmaßen Richtung Polarmeer geströmt und haben dort die Eisbildung gehemmt.

Wetterlage-Oktober

Im November war die Situation ähnlich, aber nicht ganz gleich. Das blockierende Hoch ist weiter Richtung Osten gewandert und das Tief lag über Portugal. Dadurch kam der warme Luftschwall in der zweiten Novemberhälfte über Mitteleuropa und brachte der Alpennordseite eine äusserst lange und starke Föhnphase. Die Alpensüdseite hingegen hatte mit zahlreichen und intensiven Niederschlägen (QUEENIE) zu kämpfen. Nur in der Arktis blieb die Situation die gleiche. Es gelangte auch im November sehr warme Luft Richtung Nordpolarmeer.

Die Auswirkungen auf die Eisdicke in der Arktis  

Über dem Nordpolarmeer herrscht momentan arktischer Winter. Das heißt über Monate hinweg gibt es keine Sonne und damit auch keinen Energieinput. Da die Windzirkulation aber sehr warme Luft über den arktischen Ozean getrieben hat, ist es dort jetzt 15 bis 20 Grad Celsius wärmer als für diese Jahreszeit üblich. Globale Wetterkarten, die die aktuellen Abweichungen von den Durchschnittswerten darstellen, lassen die Polargebiete in einem tiefen Rotton aufleuchten. Nördlich des 80. Breitengrades wären im Moment Temperaturen um minus 30 Grad zu erwarten - doch dieses Jahr hat es dort rund minus 10 Grad. Durch die “Hitzewelle“ in diesem Herbst hat sich der Ozean an etlichen Stellen noch nicht genug abgekühlt, um Eis zu bilden. Die totale Eisfläche am Nordpol war seit Aufzeichnungsbeginn im November noch nie so klein wie in diesem Jahr. 

Durch die höheren Temperaturen wächst das Eis weniger stark an. Dies wird auch durch Messungen der Eisdicke aus diesem Sommer deutlich. Hochauflösende Flugzeugmessungen in verschiedenen Gebieten der Arktis zeigen, dass besonders das neu gebildete, erstjährige Eis in diesem Jahr mit einer Dicke von einem Meter sehr dünn war. Normalerweise ist es beinahe doppelt so dick! Das mehrjährige Eis war dagegen in etwa so dick wie in den Vorjahren, rund drei bis vier Meter.

Ein Teufelskreis - und er dreht sich schneller!

Auch direkt am Nordpol war es in den vergangenen vier Wochen im Schnitt neun bis zwölf Grad wärmer als normal. “Wir haben am Pol noch nie so hohe Temperaturen gemessen“, sagte der Klimaforscher Martin Stendel vom dänischen Meteorologische Institut. In der vergangenen Woche sind am Pol null Grad registriert worden, das seien sogar 20 Grad mehr als gewöhnlich Mitte November.

Das Abschmelzen des Nordpols gleicht einem Teufelskreis. Je mehr Eis über den Sommer wegschmilzt, desto mehr freie Ozeanoberfläche gibt es. Das dunkle Meerwasser kann sehr viel mehr Energie speichern als die weiße Meereisoberfläche, die früher noch mehr als gewaltigen Sonnenreflektor funktioniert hat. Das Wasser nimmt die Energie der Sonnenstrahlen auf und erwärmt sich. So sind die Wassertemperaturen im Herbst höher und es dauert im Winter länger, bis sich wieder neues Eis gebildet hat. Dadurch ist das Meereis im Frühling sowohl flächenmäßig als auch von seiner Mächtigkeit geringer ausgeprägt. Das dünnere Eis bricht bei Stürmen schneller auseinander, dadurch kommt der Ozean zum Vorschein und das Wasser kann sich wieder schneller und länger erwärmen. Der Wissenschaftler spricht hier von positiver Rückkopplung, der Volksmund vom Teufelskreis.

Schwächerer Polarwirble wegen wärmerem Nordpolarmeer?

Zudem erwärmt der immer wärmere Ozean die Luft, die darüber liegt. Dadurch wird der Polarwirbel abgeschwächt. Der Polarwirbel ist ein großräumiges Höhentief, das in den Wintermonaten über den Polkappen entsteht. Da es wenig Luftaustausch mit den umliegenden Luftmassen hat, können innerhalb des Polarwirbel eisige Temperaturen entstehen. Ein schwächerer Polarwirbel erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass Stürme den Polarwirbel durchbrechen und milde Luft weit Richtung Norden gelangt.

“Die Arktis wird in den nächsten 10 bis 20 Jahren im Sommer eisfrei werden - wenn es einen Kipp-Punkt gibt, dann ist er schon überschritten.“ Mark Brandon, Ozeanograf und Klimaforscher

Globale Meereisfläche mit besorgniserregender Entwicklung

Gesamteisflache-Welt-Klimawandel

Das Gefrieren des Nordpolarmeeres ist dieses Jahr so langsam wie noch nie. Auch das Meereis rund um den Südpol hat dieses Jahr extrem früh mit Schmelzen begonnen. Für die globale Meereisfläche, die man seit 1979 sehr zuverlässig mit Satelliten messen kann, heißt das nichts Gutes. Seit Oktober bewegt sich die Kurve von 2016 auf einem völlig anderen Niveau wie alle anderen Jahre und zeigt ganz klar auf: Das Meereis nimmt ab und zeigt eindrücklich die Erwärmung des Klimas!

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