Winter 2017/18: Wettertrend verspricht viel Abwechslung

Mo 06.11.17 | 12:44 Uhr - Kai Zorn
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Winter 2017/18: Wettertrend verspricht viel Abwechslung
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Das Wetter im Winter 17/18 wird nach Ansicht von Kai Zorn womöglich gegen Ende am kältesten.

Der Winter 2017/2018 steht vor der Tür. Aber was für ein Wetter bekommen wir in Deutschland? Gibt es viel Schnee? Kai Zorn erwartet einen Sandwich-Winter.

Neben Ostern, Pfingsten, Weihnachten, Silvester und Geburtstag kommt auch alljährlich die Frage auf: Wie wird der Winter? Vor unserem Medienzeitalter las man in Zeitungen manchmal spannende Artikel über Naturphänomene, etc. Und heute? Heute ist es eine bunte und sich oft gegenseitig anpöbelnde Mischung aus der gebetsmühlenartigen und ebenso stumpfsinnigen Maulerei, dass Wetter nur für 3 Tage vorhersagbar sei und denen, die angeblich beim Blick auf die manchmal etwas zermürbt drein schauende Königskerze (Wetterkerze) eine nahezu hundertprozentige Trefferquote vorweisen wollen. 

Dazu garnieren wir noch das amerikanische NOAA-Modell, das den Winter grundsätzlich zu mild berechnet und im vergangenen Januar um fast 7 Grad daneben lag. Und unlängst kam noch eine Stilblüte dazu, dass das Wetter für die kommenden Tage nicht sicher sei, gleichzeitig aber vor Schnee und Kälte in den kommenden Wintern gewarnt wurde.

Mir kommt das so vor wie bei der Wettervorhersage manchmal für den nächsten Tag. Wir haben heute die Möglichkeit, auf unzählige Modelle und Modellvarianten zurückzugreifen, haben inflationär viele Apps und stehen dann doch vor einem Rätsel. Manches Mal hilft es, einfach aus dem Fenster zu gucken und die Zeichen des Himmels zu lesen...

Früher gab es in der Wetteranalyse noch Synoptik

Und dann besinne ich mich auf meine Anfänge zurück, als ich das Wetterkartenlesen und -interpretieren noch von der Pike auf gelernt habe. Da war auf einer DIN-A4-Seite in 24 Stunden-Schritten Deutschland höchstens dreimal so groß wie ein Stecknadelknopf und wir hatten nur den Bodendruck, den Druck und die Temperatur in 5,5 km Höhe, die Feuchtigkeit in 3 Kilometer Höhe und die Luftmassentemperatur in 5-Grad-Schritten in 1500 Meter Höhe. Du musstest mit diesen Karten eine Art Film im Kopf erstellen wie das Wetter wird. Das heißt, man konzentriert sich auf das Wesentliche und muss selbst denken. Solch eine Zusammenschau von Wetterkarten nennt sich Synoptik. 

Übertragen wir diese Synoptik doch mal auf die kommende Jahreszeit und analysieren. Wer jetzt anfangen möchte zu diskutieren, dass Wetter nur für 3 Tage vorhersagbar sei, der liest bitte nicht weiter und wartet auf den Bus...

Natürlich ist es nicht möglich, das Wetter in so und so viel Wochen vorherzusagen. Das war nicht möglich, das ist nicht möglich und das wird auch nie möglich sein. Es geht hierbei aber nicht um das Wetter, sondern um die Witterung, also eine Art Witterungsvorhersage und um Wahrscheinlichkeiten, welche Witterung bzw. welche Großwetterlagen wahrscheinlicher sind oder eben nicht so wahrscheinlich. 

Befinden wir uns in einer auslaufenden Warmphase?

Fangen wir doch mal bei Adam und Eva an: In welcher Klimazeit befinden wir uns? Im Modernen Klimaoptimum ungefähr auf Augenhöhe mit dem Mittelalterlichen Wärmeoptimum und dem Klimaoptimum der Römerzeit. Spielt für unseren Winter 2017/18 keine wirklich entscheidende Rolle. Also ad acta damit. 

Innerhalb dieser Klimazeit befinden wir uns in einer warmen Epoche. Eine kalte Epoche waren beispielsweise die 1960er, 1970er und 1980er Jahre. Die waren übrigens kälter als Zwischenwarmphasen der Kleinen Eiszeit vor rund 500 Jahren. Das mal am Rande.

Und jetzt kommt das Wichtige: Innerhalb dieser warmen Epoche befinden wir uns wahrscheinlich in einer auslaufenden Warmphase oder in einer neutralen Phase. 

Die Warmphase begann 2013 und brachte die zwei Supermildwinter 2013/14 und 2015/16. In einer Kaltphase befinden wir uns (noch) nicht. Allein diese Aussage macht einen weiteren Supermildwinter, also einen Totalausfall, genauso unwahrscheinlich wie einen sehr kalten bzw. strengen Winter. Für einen strengen Winter 2017/18 bräuchten wir eine komplett andere (Jahres)Vorgeschichte. 

Erhaltungsneigung von Großwetterlagen

Da warme und kalte Phasen eine gewisse Erhaltungsneigung von Großwetterlagen haben, die sich wiederum auf die Jahreszeiten auswirken, kann man ganz brauchbare Ergebnisse erzielen. Gab es in einer Warmzeit beispielsweise fast nur (viel) zu warme Monate und immer wieder Südwestlagen, dann ist die Wahrscheinlichkeit für einen sehr milden Winter sehr hoch, sofern sich an dem Muster abrupt nichts ändert. 

Für eine Kaltzeit gilt das analog. Dann aber nicht mit Südwestlagen, sondern mit schlingernden Wetterlagen, die öfter auch Nord- und Ostlagen bringen mit den entsprechenden Folgen im anschließenden Winter.

Das Witterungsmuster des Jahres 2017

Und was war in diesem Jahr? Wir hatten eine Mischung aus teilweise sehr kalten Lagen (Januar, April) sowie ausgeprägten Warmphasen (Mai/Juni) und einer Menge Wind. Ja, das Jahr war windig und damit zonal geprägt, unterbrochen von stabilen Wetterlagen, die den kalten Januar brachten und den heißen Juni. 

Der Sommer war gekennzeichnet durch extreme Unterschiede innerhalb Deutschlands. Diese Unterschiede kamen vor allem durch die genau über uns verlaufende Frontalzone, dem Jetstream zustande, also dem Starkwindband in hohen Höhen. Die Frontalzone trennte einen außerordentlich kalten und teilweise auch nassen Sommer über Nordeuropa von einem außerordentlich heißen und trockenen Sommer über Südeuropa. Und wir waren mittendrin. Im Norden war es ein beschissener und im äußersten Süden ein tropisch-heißer Sommer. 

Die Frontalzone gebärt noch etwas: Tiefs. Tiefs, die Wind bringen. Die Winterstürme aus dem vergangenen Winter und die Herbststürme XAVIER und HERWART lassen grüßen!

Allein aus dieser Erkenntnis heraus müssten wir eins und eins zusammen zählen und es müsste ein zonaler, also einer vom Westwind geprägter Winter vor der Türe stehen. Westwindwinter sind in der Regel sehr mild und nass, gerne auch Supermildwinter. Sie bringen zwar viel Schnee in den Bergen, im Flachland allerdings besteht keine bzw. kaum eine Chance für nachhaltiges Winterwetter.

Exakt in diese Kerbe schlagen der "Knabe mit der Wetterkerze" und das NOAA-Wettermodell. Es sieht einen erheblich zu milden und zu nassen Winter, einen Westwind-Winter. 

Zwischenfazit: Steht uns ein sehr milder Winter 2017/18 bevor?

Ziehen wir als Zwischenfazit: Einen kalten bzw. sehr kalten Winter können wir somit ausschließen und ein milder bis sehr milder Winter bis hin zum Totalausfall wäre wahrscheinlich… Einspruch!

Selbst wenn wir einen zonalen Winter bekommen würden, heißt das noch lange nicht, dass dieser sehr mild bis supermild bleibt. Es könnte sich beispielsweise die Frontalzone weiter nach Süden bewegen bis in den Mittelmeerraum. Dann käme es zu einer südlichen Westlage. Bei einer solchen Lage wären wir wiederholt auf der kalten Seite der Frontalzone mit durchaus winterlichen Phasen bis ins Flachland. Solche Winter sind zwar unbeständig, aber nicht wirklich mild, sondern temperaturmäßig eher durchschnittlich. 

Es ist aber noch was anders: Die massiven Kaltlufteinbrüche im Januar und April sowie die für durchgehend milde Zeiten untypischen Wetterlagen im September zeigen ein gewisses "Stocken" im System. Auch so manche Wetterlage im Oktober war nicht typisch für Supermildzeiten.

Und auch der noch junge November hat derzeit keine, wie es so schön heißt, signifikanten Auffälligkeiten in Richtung (Super)Mildwinter. 

Die Sonnenflecken/Sonnenzyklen und deren Einfluss auf das Wetter

Schauen wir zu guter Letzt noch auf die Sonnenflecken. Aktuell befinden wir uns im Endstadium des auslaufenden 24. Sonnenzyklus, des Schwabe-Zyklus, der in der Regel um die 11 Jahre (9 bis 13 Jahre) andauert. Beim Rückblick der Vorzyklen wären wir in etwa um 2004, um 1994, um 1983, um 1974, um 1962, um 1953, um 1943, usw., usf. 

Das hilft uns jetzt aber nur bedingt weiter. Es bestehen aktuell schon gewisse Ähnlichkeiten mit diesen Zeiten. 1974 und 1962 möchte ich jetzt explizit heraus nehmen. Der Winter 1974/75 war der Vorgänger-Supermild-Winter von 2006/07 und der Winter 1962/63 war der zweitkälteste Winter seit über 260 Jahren. Wenn wir in den 1970er Jahren eine Ähnlichkeit finden wollen, dann eher 1977. Da ging es, was die Winter betrifft, langsam wieder abwärts in Richtung normal.

1962 möchte ich fast gänzlich ausschließen. Wenn, käme eher 1961 in Betracht. 

Das mit den Sonnenflecken ist so eine Sache. Es ist inzwischen wissenschaftlich erwiesen, dass eine hohe Sonnenfleckenanzahl tendenziell mehr West- bis Südwestlagen fördert, während eine niedrige Sonnenfleckenzahl eher eine gestörte Zirkulation zur Folge hat mit entsprechenden Blockadelagen. Diese wiederum begünstigen kältere bis strengere Winter.

Vergleiche von vergangenen Jahrzehnten

Wenn wir jetzt 2004, 1994, 1983, 1977 (verschoben), 1961 (leicht verschoben), 1953 und 1943 in den Vergleich ziehen, gibt es verblüffende Auffälligkeiten. Von den 1940er Jahren einmal abgesehen, kamen wir jeweils aus einer Reihe milder Vorwinter und einer warmen Epoche und es folgte ein Übergang in einer kältere Epoche mit anschließend kälteren Wintern. Die richtig kalten Winter kamen nach diesem Jahr erst im 2. oder 3. Folgewinter. Davon gehe ich für die Winter 2019, 2020 ohnehin aus.

Sandwich-Winter: kalter Beginn, kaltes Ende, in der Mitte mild

Die Gemeinsamkeiten dieser Winter-Strukturen lauten: Recht früher Beginn, milder Hochwinter (Januar), kalter Spätwinter = Sandwich-Winter. Erinnern Sie sich an die Diskussion zwischen Ivo Brück und mir aus dem vergangenen Winter und aus dem Frühjahr, als wir darüber sprachen, dass der Winter 2017/18 recht früh beginnt, in der Mitte wahrscheinlich "abloost" und hinten raus, dann, wenn ihn keiner mehr will, zurück kommt? Dabei bleibe ich.

Kommen wir zurück auf die aktuelle "Wetterlagenzeit". Beim Langfristmodell CFS, das ich mir immer mal wieder "reinziehe", wird bis zur Stunde 6834 berechnet = rund 285 Tage = rund 40 Wochen = rund 9 Monate. Selten mache ich mir den Spaß und guck mir stichprobenartig jede Woche eine Karte bis zum Schluss an. Viel interessanter sind die Karten für die kommenden 6 Wochen. Natürlich sieht es bei jedem Lauf anders aus. Nichts desto trotz kann man zwischen den Zeilen einen Trend erkennen.

Die Wetterlagen des Winters 2017/2018

Und dieser Trend zeigt das eben Beschriebene: Zonale und sehr windige Westwind-Wetterlagen wechseln sich mit kurzen Blockadelagen und einer kompletten Zirkulationsumkehr ab. Da ist es für einige Tage sehr windig und mild mit einem Regengebiet nach dem anderen, dann folgt ein Ende der Sturmserie, ein Kaltlufteinbruch mit anschließendem Hoch. Dieses Hoch wandert in Richtung Nord- und Osteuropa und bringt kurz eine östliche Strömung. Diese ist dann so flott unterwegs, dass etwaige "Kaltluftkörper" (Ansammlungen von sehr kalten Luftmassen) retrograd nach Westen ziehen und auf dem Atlantik erneut eine Tiefdrucktätigkeit mit Westlagen auslösen. 

Blicken wir auf das Jahr zurück. Da sind ähnliche Muster vorhanden zwischen brachialer Westwind-Zirkulation mit Stürmen, anschließendem Kaltluftvorstoß und in der Folge ein Übergang wieder zu mildem bzw. warmem oder im Sommer auch heißem Wetter. Dieses Muster kann ich mir für den kommenden Winter sehr gut vorstellen. Klassischerweise findet der größte Wärmepeak, auf Wetterlagen bezogen, in der ersten Januar-Hälfte statt. 

Fazit: Ein abwechslungsreicher Winter steht uns bevor

Ziehen wir Bilanz: Ich gehe von einem interessanten und abwechslungsreichen Winter aus, der von Supermild-Allüren bis hin zu sibirischem Eisgruß alles auf Lager haben wird. Seine Beständigkeit wird die Unbeständigkeit bleiben. Die Ansicht des amerikanischen NOAA-Modells teile ich nicht.

Auf die Abweichungen gegenüber der Referenz-Periode 1961/90 bezogen wird der Winter 2017/18 meines Erachtens kältestenfalls bei minus 0,5 (tendenziell wahrscheinlicher) und wärmstenfalls bei 1,5 Grad (unwahrscheinlicher) liegen. Dass er, wie von NOAA behauptet, zu nass wird und damit auf den Bergen schneereich, kann ich unterschreiben. Die gesamte Struktur, die das NOAA über Europa anzeigt - extrem warmes Osteuropa -, kann ich in keiner Weise nachvollziehen. 

Dieser Blog  bzw. diese Kolumne ist nun eine der längsten seit 2004 geworden. Sie hat sehr viele Tage Recherche gekostet und einige Tage an Schreibarbeit. Es ist mir, gerade in der heutigen Zeit - wo alles schnell-schnell laufen muss mit lautem Klang und wenig Worten - ein ganz besonderes Anliegen, Ihnen und Euch aufzuzeigen, dass Wetter und Witterung deutlich mehr sind als eine stupide numerische Berechnung oder ein Icon in einer App. Mein Respekt vor der Natur ist dafür einfach zu groß und die Liebe zum Metier sowieso ;).

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