Plastik und Gesundheit: So viele Lebensjahre kostet uns Plastik laut Studie
Schadstoffe aus dem Plastik-Lebenszyklus bedrohen unsere Gesundheit stärker als gedacht. Eine neue Studie warnt vor drastischen Folgen bis 2040 - selbst im besten Fall.
Rauchen und Übergewicht zählen zu den Faktoren, die gesund verbrachte Lebenszeit kosten. Einer Studie zufolge gilt das auch für freigesetzte Stoffe aus dem Plastik-Lebenszyklus. Die Gesundheitsschäden durch Plastik-Emissionen könnten sich bis 2040 verdoppeln, berichtet das Team um Megan Deeney von der London School of Hygiene & Tropical Medicine im Fachjournal "The Lancet Planetary Health".
Die Produktion ist der größte Problemfaktor
Rohstoffgewinnung, Produktion, Transport, Entsorgung - über den gesamten Lebenszyklus von Plastik werden Schadstoffe wie Treibhausgase, Feinstaub und krebserregende Chemikalien freigesetzt. Die Produktion sei dabei der relevanteste Faktor. Selbst im optimistischsten Szenario werde die Menschheit mehr gesunde Lebensjahre verlieren als derzeit, heißt es in der Studie.
Wird der Lebenszyklus von Plastik nicht verbessert, könnte es laut Analyse im Jahr 2040 weltweit rund 4,5 Millionen verlorene gesunde Lebensjahre geben. Das entspräche rechnerisch etwa fünf Stunden verlorener voller Gesundheit für jeden Menschen auf der Erde, sagte Walter Leal von der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg (HAW), der selbst nicht an der Berechnung beteiligt war.
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Im Vergleich zu anderen globalen Gesundheitsbelastungen ist die durch Plastik verursachte Krankheitslast erheblich. Dennoch fällt sie deutlich geringer aus als die Belastung durch allgemeine Luftverschmutzung. Diese führt jährlich zu geschätzt über 100 Millionen verlorenen gesunden Lebensjahren, Malaria zu über 40 Millionen weltweit. "Sie ist jedoch vergleichbar mit der von Hepatitis B und unterstreicht die Notwendigkeit, diesem Thema Aufmerksamkeit zu schenken."
Plastikverbrauch droht sich zu verdreifachen
Den Forschenden um Deeney zufolge könnte sich der globale Plastikverbrauch bis 2060 beim derzeitigen Stand politischer Maßnahmen und bei wachsender Bevölkerung fast verdreifachen. Damit nehmen die Auswirkungen auf Umwelt, Klima und menschliche Gesundheit zu.
Der gesundheitliche Effekt wird bei Berechnungen in sogenannten DALYs - Disability-Adjusted Life Years - beziffert: entweder durch Tod oder durch Krankheit verlorene gesunde Lebensjahre. Die Forschenden untersuchten in ihrer Modellierungsstudie sechs Szenarien vom Weiter-wie-bisher bis hin zu optimistischen Annahmen mit besserem Abfallmanagement, mehr Recycling und reduzierter Plastiknutzung. Mehr verlorene gesunde Lebensjahre durch Schadstoffe aus dem Plastik-Lebenszyklus gibt es demnach selbst im optimistischsten Szenario.
Die Plastikmasse im Jahr 2016 war der Analyse zufolge mit 2,1 Millionen DALYs für die Menschheit assoziiert. Im Alles-bleibt-Szenario würden im Jahr 2040 rund 4,5 Millionen DALYs verursacht, im optimistischsten Szenario wären es 2,6 Millionen.
Vergleich mit Asbest und Radon – unterschätztes Risiko?
"Risikofaktoren, die laut der 'Global Burden of Disease'-Studie für das Jahr 2016 eine von der Größenordnung her vergleichbare Krankheitslast aufweisen, wären Radon mit etwa 1,9 Millionen DALYs oder die berufsbedingte Belastung mit Asbest in Höhe von etwa 4,2 Millionen DALYs", erklärte Dietrich Plaß vom Umweltbundesamt. Er war selbst nicht an der aktuellen Berechnung beteiligt.
Die wichtigsten gesundheitsschädlichen Auswirkungen sind diesen Daten zufolge globale Erwärmung und Feinstaub, die jeweils etwa ein Drittel der verlorenen gesunden Tage ausmachen. "Der Plastik-Lebenszyklus trägt mit etwa 4,5 Prozent zu den menschengemachten Treibhausgasemissionen bei und ist eine Hauptquelle für luftverschmutzende Partikel", erklärte Leal. Damit sei sein Klimabeitrag größer als der des globalen Flugverkehrs, der bei etwa zwei Prozent liege.
Effekte noch deutlich unterschätzt?
Das Team um Deeney nimmt an, dass die Zahl verlorener Tage in der Modellierung noch unterschätzt wird, weil gesundheitliche Effekte etwa durch Mikro- und Nanoplastik oder Kontakt mit schädlichen Substanzen bei der Nutzung von Plastikgegenständen nicht einbezogen wurden. Die Datenlage in diesen Bereichen sei bisher zu schwach.
In diesem Fehlen sieht auch HAW-Wissenschaftler Leal eine Einschränkung der Aussagekraft. Die beiden Aspekte wegzulassen, bedeute eine erhebliche Unterschätzung. Auch bei den einbezogenen Aspekten gebe es teils noch große Datenlücken: "Es fehlen Informationen über Abfallmanagement und Emissionen, insbesondere in einkommensschwachen Ländern, was die Modellgenauigkeit beeinträchtigt." Auch lasse sich die Giftwirkung vieler freigesetzter Substanzen bisher noch nicht gesichert einschätzen.
"Die Ergebnisse sollten also nur als eine erste und sehr unsichere Annäherung an die tatsächliche Krankheitslast interpretiert werden", sagt auch Uba-Experte Plaß. Als einen Grund gibt er an, dass die Analyse auf einem veralteten Berechnungsmodell von 2016 basiere. Es sei davon auszugehen, dass neue Erkenntnisse über Zusammenhänge zwischen Schadstoffen und gesundheitlichen Auswirkungen - zum Beispiel Feinstaub und Diabetes Typ 2 - nicht einbezogen wurden.
Plastik hat auch positive Effekte auf die menschliche Gesundheit
Zu bedenken gibt Leal auch, dass die Studie keine Nutzen-Kosten-Abwägung darstellt. Sie konzentriere sich allein auf die negativen Gesundheitsbelastungen im Zuge des Plastik-Lebenszyklus. Es gebe aber auch positive Effekte: "Plastik ist unverzichtbar für moderne Gesundheitsversorgung."
Das gelte etwa mit Blick auf sterile Einwegartikel wie Spritzen, Implantate oder Blutkonserven. "In der Lebensmittelhygiene schützt es vor Keimen und Verderb, reduziert so Lebensmittelvergiftungen und sichert in vielen Regionen sauberes Trinkwasser." Die Studie sei daher "ein entscheidendes, aber unvollständiges Stück des größeren Bildes".
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