Hitzewellen setzen Gesundheitssystem unter Druck: Arzt warnt vor steigender Belastung
Das deutsche Gesundheitssystem steht im Zuge sich häufender Hitzewellen vor massiven Herausforderungen – welche das sind und was nun passieren muss.
Hitzewellen sind längst keine Seltenheit mehr. Als Folge des Klimawandels stellen sie immer öfter nicht nur die Menschen, sondern auch Krankenhäuser, Rettungsdienste und Pflegeeinrichtungen vor große Herausforderungen. Über die Frage, welche das sind und was das für die allgemeine Gesundheitsversorgung bedeutet, hat wetter.com mit Max Bürck-Gemassmer, dem stellvertretenden Vorsitzenden der Deutschen Allianz Klimawandel und Gesundheit (KLUG), gesprochen.
Hitzewellen belasten das Gesundheitssystem schon nach wenigen Tagen
Krankenhäuser und Rettungsdienste bereiten sich heute besser auf Hitzewellen vor als noch vor einigen Jahren. So entwickelt die Deutsche Allianz Klimawandel und Gesundheit (KLUG) gemeinsam mit verschiedenen Partnern seit 2022 Musterhitzeschutzpläne, an denen sich immer mehr Kliniken orientieren. Dennoch sieht Max Bürck-Gemassmer weiterhin großen Handlungsbedarf: Das deutsche Gesundheitswesen sei auf extreme und langanhaltende Hitzewellen bislang nicht ausreichend vorbereitet.
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"Schon bei Warnstufe 1 des Deutschen Wetterdienstes, also wenn die gefühlte Temperatur über 32°C liegt und die nächtliche Temperatur nicht mehr unter 20°C fällt, sehen wir eine deutliche Belastung des Gesundheitswesens. Bei Warnstufe 2 (Temp. >38°C) geraten viele Bereiche des Gesundheitswesens an ihre Grenzen, da diese Temperaturen auch für gesunde Menschen gefährlich werden können", so der Allgemeinmediziner.
Insbesondere im Hinblick auf länger anhaltende Hitzewellen gebe es noch enormen Handlungsbedarf, denn: "Je länger die Hitzebelastung anhält, desto stärker auch die Belastung für das Gesundheitswesen. Es besteht die Gefahr einer Überlastung des gesamten Gesundheitswesens, die dann auch die Regelversorgung gefährdet." Bereits ab dem dritten Tag einer Hitzewelle sei die Belastung besonders gefährlich.
Rettungsdienste und Notaufnahmen am Limit
Hitze gefährdet vor allem ältere Menschen, Personen mit Vorerkrankungen, Kinder, Schwangere sowie Personen, die der Hitze stark ausgesetzt sind oder sich körperlich anstrengen müssen. Auch Menschen, die sich aus unterschiedlichen Gründen nicht mehr ausreichend selbst versorgen können, zählen zu den besonders gefährdeten Gruppen. Oft sorgen Hitzeerschöpfung und Hitzschläge für gesundheitliche Probleme oder gar eine Verschlechterung bestehender Erkrankungen.
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Besonders Rettungsdienste und Notaufnahmen bekämen die direkten Folgen andauernder und extremer Hitzewellen dann unmittelbar zu spüren. Viele Betroffene könnten nicht mehr selbst Hilfe rufen oder suchten erst spät Unterstützung. Gleichzeitig falle ihnen der Weg in eine Arztpraxis schwer, weshalb sich viele direkt an Notdienste wenden. "Notaufnahmen und Rettungsdienste werden stark belastet", sagt Bürck-Gemassmer. Viele organisierte soziale Netzwerke für Hitzehilfe seien bislang noch nicht ausreichend etabliert, um Entlastung zu schaffen.

Das deutsche Gesundheitssystem steht im Zuge des Klimawandels vor großen Herausforderungen. (Adobe Stock)
Hitze belastet auch Pflegekräfte und Ärzt:innen
Auch das medizinische Personal ist laut Bürck-Gemassmer in Folge andauernder Hitzewellen erheblich belastet. Bereits ab 28 Grad sinke die Belastbarkeit, die Konzentration nehme ab und Fehler häuften sich.
Hinzu kämen krankheitsbedingte Ausfälle. Eine Analyse der DAK etwa habe gezeigt, dass 2023 circa die Hälfte der Pflegekräfte durch Hitze beeinträchtigt war. Rund 20 Prozent hätten sogar von eigenen gesundheitlichen Beschwerden berichtet. Erschwerend hinzu kommt, dass Hitzewellen häufig während der Urlaubszeit auftreten, in der eh schon viele Beschäftigte im Urlaub sind.
Besonders das Pflegepersonal leide unter extremen Temperaturen. Das läge unter anderem an fehlendem Hitzeschutz in Gebäuden, unzureichenden Kühlmöglichkeiten, nicht hitzegeeigneter Schutzkleidung, hoher körperlicher Beanspruchung sowie Stress und fehlender Trink- und Erholungspausen. Und das wiederum hätte nicht nur kurz-, sondern auch langfristige Folgen für das Gesundheitssystem. Eine dauerhafte Überlastung könne auf lange Sicht dazu beitragen, dass Beschäftigte den Beruf verlassen, warnt Bürck-Gemassmer.
Arzt mahnt: Krankenhäuser brauchen besseren Hitzeschutz und mehr Investitionen
Nach Einschätzung von Bürck-Gemassmer sind viele Krankenhäuser bislang nicht ausreichend gegen Hitze geschützt. Es sei wichtig, einen umfassenden Ansatz zu verfolgen, um dauerhaft Entlastung zu schaffen. Neben technischer Kühlung seien Verschattung, moderne Lüftungskonzepte sowie Infrastrukturmaßnahmen im Bereich Vegetation und Wasser wichtige Bausteine. Bauliche und städteplanerische Maßnahmen seien dabei fast wichtiger als rein technische Lösungen.
Auch die Finanzierung sieht er als großes Problem. Die Investitionsfinanzierung der Krankenhäuser liege zwar bei den Ländern, werde jedoch seit Jahren nicht ausreichend erfüllt. Allein für den klimagerechten Umbau seien jährlich rund vier Milliarden Euro erforderlich. Dieses Geld sei jedoch gut investiert, denn fehlender Hitzeschutz koste im Zweifel nicht nur Leben, sondern verursache auch hohe Folgekosten.
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