Wood Wide Web: Das steckt hinter dem geheimen Leben der Bäume
Ein unterirdisches Netzwerk aus Pilzen soll Bäume miteinander verbinden und ihnen Kommunikation ermöglichen. Doch was steckt genau hinter diesem Naturphänomen und den komplexen Austauschprozessen?
Der Wald ist Lebensraum für zahlreiche Lebewesen. Bäume dienen dabei nicht nur als Schutz und Nahrungsquelle, sondern sind auch Teil komplexer natürlicher Verbindungen. Das sogenannte "Wood Wide Web" fasziniert seit Jahren die Forschung.
Die Theorie: Bäume sind über ein Netzwerk aus Pilzfäden im Boden verbunden, tauschen Nährstoffe aus und warnen sich vor Gefahren. Dafür sollen die sogenannten "Common Mykorrhiza Networks" (CMNs) eine zentrale Rolle spielen.
Wissenschaftliche Analysen zeigen jedoch, dass viele dieser Vorstellungen bislang nicht ausreichend belegt und teilweise überinterpretiert sind. Doch was steckt eigentlich hinter diesem Naturphänomen?
Was hinter dem "Wood Wide Web" steckt
"Wood Wide Web" bedeutet übersetzt so viel wie "waldweites Netz" und beschreibt das Konzept eines unterirdischen Netzwerks im Wald. Grundlage dieses Konzepts sind sogenannte Mykorrhiza-Netzwerke – eine Symbiose zwischen Pflanzenwurzeln und Pilzen.
Dabei übernimmt das Myzel (auch Mycel) eine zentrale Rolle. Es handelt sich um ein fadenförmiges, meist verborgenes Geflecht aus Zellen (Hyphen), das den eigentlichen vegetativen Hauptkörper eines Pilzes bildet. Dieses Netzwerk durchzieht Böden oder Holz, nimmt Nährstoffe auf und kann enorme Ausmaße erreichen. Der sichtbare Pilz, der sogenannte Fruchtkörper, stellt lediglich einen kleinen Teil dieses Systems dar.
90 Prozent der Landpflanzen lebt in einer solchen Verbindung mit Mykorrhiza-Pilzen, also Bodenpilzen, die den Wurzelraum von Nutz- und Wildpflanzen besiedeln und einen Stoffaustausch ermöglichen. Die Pflanzen liefern dabei Kohlenstoff und Zuckerverbindungen aus der Photosynthese, während die Pilze wichtige Nährstoffe wie Phosphor oder Stickstoff sowie Wasser bereitstellen.
Ein Hinweis auf den Kohlenstoffaustausch zwischen Pflanzen über ein gemeinsames Mykorrhiza-Netzwerk ist die vollständige Mykoheterotrophie. Ein Beispiel dafür ist die Pflanzenart "Monotropa uniflora", die über gemeinsame Pilze mit Baumwurzeln verbunden ist:

Quelle: Universität Bayreuth / Zahn
Damit belegen vollständig mykoheterotrophe Pflanzen die Existenz von Mykorrhiza-Netzwerken, an denen mindestens drei Partner beteiligt sind. Auf diese Weise können Pilze den Kohlenstoffaustausch zwischen mehreren Pflanzen vermitteln. Laut der Naturschutzorganisation WWF können sich unter einem einzigen Quadratmeter Waldboden Tausende Kilometer solcher Pilzfäden befinden.
Dieses Geflecht gilt daher als weitreichendes Netzwerk im Boden und wird als "Wood Wide Web" bezeichnet. Solche Pilznetzwerke, die ganze Wälder verbinden, können teilweise bis zu 500 Jahre alt werden.
Zweifel an der Baum-Kommunikation
Ein internationales Forschungsteam um die Biologin Justine Karst hat 2024 im Journal "Nature Ecology & Evolution" zahlreiche Studien zu diesen Netzwerken ausgewertet, an denen auch die Universität Bayreuth beteiligt war. Dabei griffen die Forschenden unter anderem auf Daten der Global Forest Initiative zurück. Diese umfasst rund 1,2 Millionen Waldflächen in mehr als 70 Ländern mit fast 30.000 verschiedenen Baumarten.
Das Ergebnis fällt differenziert aus: Zwar existieren solche Verbindungen, doch ihre Rolle wird möglicherweise überschätzt. Vor allem die Annahme, dass Bäume gezielt miteinander kommunizieren oder ihren Nachwuchs aktiv über das Netzwerk versorgen, ist bislang nicht eindeutig belegt. Viele Studien zeigen eher neutrale Effekte, zudem sind alternative Erklärungen für beobachtete Nährstoffbewegungen möglich.
Hinweise auf reale Austauschprozesse
Daten der Global Forest Initiative unterstreichen die Bedeutung unterirdischer Netzwerke. So konnten Forschende zeigen, dass bestimmte Pflanzen vollständig von Pilzen abhängig sind und ihren Kohlenstoff über diese beziehen. Da sich die Wurzeln von Bäumen von Natur aus aus dem Weg gehen, zugleich aber über das Myzel der Pilze miteinander verbunden sind, wird ein indirekter Austausch zwischen verschiedenen Pflanzen möglich. Dies gilt als wichtiger Hinweis darauf, dass tatsächlich Stoffe im Boden übertragen werden.
Kohlenstofffluss im Wald komplexer als gedacht
Gleichzeitig ist bekannt, dass der Kohlenstoffaustausch im Wald vielfältiger ist als lange angenommen. Neben Pflanzen, die Energie über Photosynthese gewinnen, und vollständig abhängigen Arten existieren offenbar auch Mischformen. Das deutet darauf hin, dass es kein einheitliches System gibt, sondern unterschiedliche Wege des Stoffaustauschs.
Pilze spielen dabei eine zentrale Rolle: Da sie mit verschiedenen Baumarten vernetzt sind, können sie auch als Vermittler von Signalen fungieren. Wird etwa ein Teil des Waldes von Schädlingen befallen, könnten andere Bereiche darauf reagieren.
Laut dem NDR-Bericht "Wood Wide Web: Das geheimnisvolle Netzwerk der Pilze" aus dem Jahr 2025 geschieht dies vermutlich über chemische Signale. Der Pilz leitet dabei Botenstoffe, also Informationen zwischen Zellen oder Organismen, durch das unterirdische Netzwerk im Boden weiter. Zusätzlich geben Bäume über der Erde Duftstoffe wie Terpene ab, die andere Pflanzen warnen oder deren Abwehrkräfte aktivieren können.
Dem WWF zufolge können große, etablierte Bäume junge Keimlinge in ihrem Schatten fördern, während besonders leistungsfähige Pflanzen schwächeren Nachbarn indirekt zugutekommen. So wirkt das "Wood Wide Web" stabilisierend und trägt dazu bei, dass Wälder als funktionierende Gemeinschaft bestehen – statt als einzelne, konkurrierende Individuen.
Weltweite Netzwerke und ihre Gefährdung
Den Forschenden der Studie im Journal "Nature Ecology & Evolution" ist es damals gelungen, solche unterirdischen Netzwerke global zu kartieren. Daten aus zahlreichen Waldflächen zeigen, dass Pilznetzwerke weltweit verbreitet sind, besonders in kühleren Regionen.
Allerdings könnten diese empfindlichen Strukturen durch den Klimawandel unter Druck geraten. Steigende Temperaturen könnten dazu führen, dass Teile dieser Netzwerke verloren gehen.
Das geheime Leben der Bäume - ein Mythos?
Das "Wood Wide Web" verdeutlicht, wie komplex und faszinierend die Prozesse im Wald sind. Mykorrhiza-Netzwerke spielen eine zentrale Rolle für das Funktionieren von Ökosystemen, etwa beim Austausch von Wasser, Nährstoffen und Kohlenstoff.
Gleichzeitig zeigt die Forschung, dass viele populäre Vorstellungen über eine gezielte Kommunikation zwischen Bäumen bislang nicht eindeutig belegt sind, auch wenn die Übertragung chemischer Signale möglich ist.
Fest steht jedoch, dass Bäume und Pilze enger miteinander vernetzt sind als lange angenommen und gemeinsam wesentlich zu stabilen und gesunden Wäldern beitragen.
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