Luftverschmutzung im Winter besonders gefährlich

Do 24.11.16 | 11:02 Uhr - Hannes Tobler
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Luftverschmutzung im Winter besonders gefährlich
© Umweltbundesamt
Feinstaubalarm in Deutschland: Die Inversionswetterlage verursacht eine Anreicherung der Abgase in der bodennahen Luftschicht (24.01.2017).

Feinstaub und Stickoxide sorgen besonders im Winter für eine erhöhte Luftverschmutzung in deutschen Städten. Folge sind gesundheitliche Beschwerden. Doch was wird dagegen getan? Eine Bestandsaufnahme.

Wer kennt es nicht? Stoßstange an Stoßstange stehen die Autos in der Innenstadt und nichts geht mehr vorwärts. Im Winter ist zum Teil deutlich erkennbar, wie die Autoabgase die Luft einnebeln. An einer Hauptverkehrsader riecht man die Luftverschmutzung förmlich und die wartenden Menschen haben schlimme Hustenanfälle. Deutschlands Spitzenreiter in Sachen Feinstaubkonzentration ist dabei Stuttgart. In der baden-württembergischen Landeshauptstadt gilt auch aktuell wieder Feinstaubalarm.

Luftverschmutzung durch Feinstaub und zu hohe Stickstoffdioxidkonzentrationen in Städten sind im Winter ein wichtiges Thema in Deutschland und weltweit. Wir beschäftigen uns an dieser Stelle mit der dreckigen Luft und deren Auswirkungen auf unsere Gesundheit. Neben dem Unterschied von Fein- und Grobstaub und deren Obergrenzen werden auch die verschiedenen Gesundheitsbeschwerden aufgelistet. Auch die Verhinderungsmaßnahmen in verschiedenen Städten werden aufgezeigt.

Aktuelle Feinstaublage in Deutschland

Momentan haben in Deutschland viele Städte und Regionen ein Feinstaubproblem (siehe Grafik). In NRW wiesen beispielsweise am Dienstag 39 von 56 Messstationen einen zu hohen Feinstaubwert auf! Die höchsten Werte wurden in Münster, Mönchengladbach und Elsdorf gemessen (ca. 90 Mikrogramm pro Kubikmeter). Auch in Bayern werden die Grenzwerte für Feinstaub bis zum Wochenende vielerorts dauerhaft überschritten. In Stuttgart gab es am Montag rekordverdächtige 188 Mikrogramm Feinstaub in einem Kubikmeter Luft, beinahe viermal über dem vorgegebenen Grenzwert.

In NRW herrscht dicke Luft:

Gesundheitliche Beschwerden wegen zu hoher Feinstaubbelastung

Es gibt einen engen Zusammenhang zwischen einer hohen Konzentration von Feinstaub (PM2.5 und PM10) und einer erhöhten Sterberate und Erkrankungshäufigkeit der Atemwege. Dieser Zusammenhang besteht sowohl kurzfristig als auch langfristig! Die kleinen Partikel des Feinstaubs können weit in die Lungen hineinströmen und verursachen gesundheitliche Probleme wie Asthma, Herzinfarkt, Lungenkrebs und gehemmte Lungenentwicklung bei Kindern. 

Feinstaub hat schon bei geringen Konzentrationen einen Einfluss auf die Gesundheit. Es konnte bis jetzt keine Konzentration gefunden werden, bei der keine gesundheitlichen Risiken beschrieben wurden! Daher bringt jede Verminderung der Feinstaubbelastung einen positiven Effekt auf die Gesundheit der Menschen. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt daher, die tiefste Feinstaubkonzentration wie irgend möglich anzustreben.

Welche Arten der Luftverschmutzung kommen vor? 

Eine grobe Unterscheidung findet zwischen der Luftverschmutzung der verschiedenen Jahreszeiten statt. Der Wintersmog besteht vor allem aus Rußpartikeln (Feinstaub) und wird durch Verbrennungen (Heizungen, Kochen, Verkehr, Industrie, Kraftwerke) oder Reifenabrieb verursacht. Im Sommer ist das Hauptproblem der Sommersmog. Sommersmog beschreibt eine erhöhte Bodenozonbelastung in den Sommermonaten. 

Stickstoffdioxid (NO2), ein braunes Gas, das bei der Verbrennung in Automotoren (vor allem bei Diesel) entsteht, ist ein Schadstoffproblem, das ganzjährig auftritt und mit dem viele große Städte zu kämpfen haben. In Deutschland sind permanent zu hohe Stickstoffwerte das größte Problem. Aus den Auspuffen von Dieselfahrzeugen quellen gut zwei Drittel der verkehrsbedingten NO2-Abgase.

Auspuff-Symbolbild-shutter

Die Hauptquelle für schlechte Luft in den Städten: Der Verkehr.

Auswirkungen der Luftverschmutzung: 3,7 Millionen Tote weltweit

Die Luftverschmutzung im Freien war 2012 für über 3,7 Millionen frühzeitige Todesfälle weltweit verantwortlich, das schätzt die WHO. Inzwischen dürften es durch den weltweiten Städteboom noch mehr geworden sein. Insbesondere in den ärmeren Staaten sei das Risiko von Herzinfarkten, Lungenkrebs und chronischen Atemwegserkrankungen durch Luftverschmutzung infolge der Emissionen von Feinstaub größer geworden. 

In London wurde vergangenes Jahr eine Studie des King’s College bezüglich der Feinstaubauswirkungen veröffentlicht. In dieser hieß es, dass die Luftverschmutzung in London die Lebensdauer der Stadtbevölkerung um 9 bis 16 Monate verkürze.

Luftverschmutzung sei einer der Hauptgründe für Krankheiten und Tod, so die stellvertretende WHO-Generaldirektorin Flavia Bustreo. Sie ergänzt: "Wenn schmutzige Luft die Städte umgibt, leiden darunter vor allem die Jüngsten, die Ältesten und die Ärmsten."

Feinstaub oder Grobstaub?

Die WHO unterscheidet beim Feinstaub "Particulate Matter" (PM) zwischen zwei Größenklassen. Zum einen gibt es die Partikel bis 10 Mikrometer Durchmesser (PM10) und es gibt Feinstaubpartikel bis 2.5 Mikrometer Durchmesser (PM2.5). Sowohl PM2.5 wie auch PM10 zählen zum Feinstaub. Erst ab einer Durchmessergröße von über 10 Mikrometer zählen Luftpartikel zum Grobstaub. Bekannte Luftpartikel, die zum Grobstaub gezählt werden, sind Pollen oder Staub, der beispielsweise von einem Kiesweg aufgewirbelt wird.

Richtlinien: Obergrenzen bei der Feinstaubbelastung

Sowohl PM10 als auch PM2.5 besitzen Tages- und Jahresgrenzwerte: 

  • Für die PM10-Klasse gilt ein Tagesgrenzwert von 50 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft. Die durchschnittliche Belastung über das ganze Jahr sollte unter 20 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft liegen.
  • Für die PM2.5-Klasse gilt ein Tagesgrenzwert von 25 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft. Die durchschnittliche Belastung über das ganze Jahr sollte unter 10 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft liegen.

Zum Schutz der menschlichen Gesundheit gelten seit dem 1. Januar 2005 europaweit Grenzwerte für die Feinstaubfraktion PM10. Der Tagesgrenzwert darf nicht öfter als 35 Mal im Jahr überschritten werden. Genau hier liegt das Problem: In diversen deutschen Städten werden die Gesetze seit Jahren nicht eingehalten. Das extremste Beispiel ist Stuttgart, am viel befahrenen Messstandort Neckartor wurde der Tagesgrenzwert im Jahr 2015 ganze 72 Mal überschritten!

Inversionswetterlage ist Feinstaublage

Inversionswetterlagen entstehen bei längerem Hochdruckeinfluss. Es bildet sich ein Kaltluftsee in den untersten Schichten der Atmosphäre und darüber deckelt eine etwas wärmere Luftschicht die kalte, und durch die Menschen dreckige, Luft ab. So gibt es keinen Luftaustausch mehr und der Verkehr, die Heizungen, die Industrie machen die Luft immer schmutziger und ungesünder.

Die Feinstaubauswertung für 2015 vom deutschen Umweltbundesamt

(Quelle: Umweltbundesamt)

Was wird gegen die schlechte Stadtluft unternommen? Einige Beispiele

Gegen die Feinstaubbelastung und die hohen Stickstoffwerte setzen die europäischen Metropolen auf unterschiedliche Strategien: 

  • In Paris wird auf radikale Verbote gesetzt
  • In Düsseldorf klagt die Deutsche Umwelthilfe vor Gericht.
  • In Stuttgart setzt man auf den Feinstaubalarm und die freiwillige Mitarbeit der Pendler. 

Stuttgart: Feinstaubalarm schon wieder im Einsatz

Wenn die Luft in der Schwabenmetropole so viel Feinstaub aufweist, dass EU-Grenzwerte überstiegen werden, kann seit dem 15. Oktober wieder Alarm ausgerufen werden. Dies wurde inzwischen auch schon wieder mehrmals getan. An Alarmtagen werden Autofahrer aufgerufen, ihre Wagen freiwillig stehen zu lassen und auf Busse und Bahnen umzusteigen. Auch Nutzer von Kaminöfen, die nicht zum Heizen dienen, sollen diese nicht anzünden. 

Die Messstation am Neckartor zeigte am Montag (23.01.2017) einen rekordverdächtigen Wert von 188 Mikrogramm an und überstieg damit deutlich den EU-Grenzwert von 50 Mikrogramm. Der Grund war eine extrem niedrige Inversionschicht von nur 150 Meter über dem Erdboden. Schon am Dienstag war die Inversionschicht auf 700 Meter angestiegen und die Feinstaubelastung auf 116 Mikrogramm pro Kubikmeter zurückgegangen. Die höchsten Feinstaubwerte werden sonst an Silvester gemessen. Gegen die anhaltend zu hohen Feinstaubwerte gingen bereits im November rund 200 Umweltaktivisten auf die Straße. Die Bürgerinitiative Neckartor war mit Gasmasken und Trommeln zur Messstation am Neckartor gezogen und hat dadurch lange Staus ausgelöst. "Autoflut stoppen", "Feinstaub tötet" und "Fahrverbote retten Leben" stand auf Transparenten.

Stuttgart gilt als bundesweit am meisten mit Feinstaub belastete Stadt. Grund ist vor allem die Kessellage, in der sich die Stadt am Neckar befindet, mit den Keuperrandhöhen des Schwäbischen Keuper-Lias-Landes im Süden und  dem Gipskeuperhügelland im Norden. Im Kessel sammeln sich die schädlichen Luftpartikel, ein Abziehen ist nur schwer und langsam möglich. Die Stadt hat für 2018 Fahrverbote angekündigt, sollte das Problem bestehen bleiben.

Paris: Alte und dieselbetriebene Autos werden verbannt

Auch Paris kämpft gegen die Luftverschmutzung an. Diesen Winter gab es sogar einen Smog-Alarm in der französischen Hauptstadt! Jedes zweite Auto musste stehenbleiben. Im Gegenzug war in dieser Zeit der öffentliche Nahverkehr kostenlos. Auch sonst setzt Paris im Kampf gegen den Feinstaub auf Fahrverbote.

Alte Autos sind in der Stadt seit einigen Wochen tabu. Es ist erst der Anfang eines radikalen Plans, mit dem Paris endlich die Luftverschmutzung in den Griff bekommen möchte. Wer eine Erstzulassung vor 1997 im Fahrzeugschein stehen hat, muss seit dem 1. Juli auf die Metro umsteigen. Das Verbot soll in den kommenden Jahren schrittweise ausgeweitet werden. Diesel-Fahrzeuge will die französische Hauptstadt bis 2020 sogar komplett verbieten.

Entlang der Pariser Verkehrsachsen sind die Werte für Stickstoffdioxid und Feinstaub teilweise doppelt so hoch wie die Grenzwerte. In Regionen, die eine besonders hohe Luftverschmutzung aufweisen, leben über 1,5 Millionen Menschen. "Während einer Verschmutzungs-Spitze in Paris zu leben ist so, als würde man den Rauch von acht Zigaretten in einem Zimmer von 20 Quadratmetern einatmen", warnt die Stadt. 

Oldtimer-Freunde konnten durchsetzen, dass mehr als 30 Jahre alte Fahrzeuge mit französischem Sammler-Kennzeichen weiterhin nach Paris dürfen. Doch grundsätzlich lässt sich die Stadt mit dem legendären Eiffelturm nicht beirren: Im Sommer 2017 soll das Verbot auf Autos ausgeweitet werden, die vor 2001 zugelassen wurden.

Düsseldorf: Deutsche Umwelthilfe klagt wegen zu starker Luftverschmutzung 

Zurück nach Deutschland. In Düsseldorf klagt die Deutsche Umwelthilfe (DUH) wegen der Luftverschmutzung vor Gericht. Sie will mit ihrer Klage erreichen, dass die bestehenden Gesetze und Grenzwerte mit zusätzlichen Maßnahmen endlich eingehalten werden. 

Düsseldorf hat seit 2012 einen Luftreinhalteplan. Aber an mehreren Messpunkten werden die Grenzwerte für Stickstoffdioxid und Feinstaub seit Jahren deutlich überschritten. "Es geht um den Rechtsanspruch des Bürgers auf saubere Luft", sagte DUH-Bundesgeschäftsführer Jürgen Resch.  Die DUH klagt nach eigenen Angaben auch in Essen, Gelsenkirchen, Aachen, Köln und Bonn. "Hier sind Bürger anhaltend zu hoher Luftverschmutzung ausgesetzt", betonte der Umweltverband. 

Die DUH hat, obwohl sie eine sehr junge Organisation ist, bereits Erfolge vorzuweisen. Das Verwaltungsgericht München etwa hatte die bayerische Staatsregierung in diesem Sommer verpflichtet, wirksamere Maßnahmen zur schnellstmöglichen Einhaltung des Grenzwertes für Stickstoffdioxid in München zu ergreifen.

Fazit: Gesetze und Vorschriften gegen die Luftverschmutzung werden zu wenig befolgt

Das Problem des Wintersmogs ist ein alter Zopf, doch die Menschen haben es bis heute noch nicht geschafft, ihre Umgebungsluft nachhaltig sauber zu halten. Die Gesetze wurden in den letzten Jahrzehnten insbesondere in Deutschland auf vorbildliche Weise angepasst und bieten der Stadtbevölkerung theoretisch einen guten Schutz gegen krankmachende Luftverschmutzung. De jure machen wir vieles richtig im Kampf gegen die Luftverschmutzung, aber de facto eben doch zu wenig. Wenn man Gesetze hat, die eine übermäßige Schadstoffbelastung verbieten, ist das gut. Wenn aber diese Gesetze seit jetzt schon 11 Jahren immer wieder verletzt werden, ist das einfach unbefriedigend.

Stuttgart-Luftverschmutzung-dpa
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