Deutschland Insel der Glückseligen für Festivals

Veröffentlicht: So 25.09. | 05:46 Uhr - Renate Molitor
Diese Infos jetzt teilen:
Deutschland Insel der Glückseligen für Festivals

Jedes Jahr pilgern Hunderttausende auf Campingplätze und vor Konzertbühnen, um tagelang Musik zu hören. Und mit steigender Nachfrage steigt das Angebot: 2012 gehen unter anderem die Festivals Greenville, Rock la Roca und Electro-Magnetic neu an den Start.

Der Präsident des Verbandes der Deutschen Konzertdirektionen, Michael Russ, sagt im Interview: "Deutschland ist die Insel der Glückseligen, was Festivals anbelangt. Diese Vielzahl und dieses Spektrum findet man sonst in ganz Europa nirgends." Trotz der Zunahme von Veranstaltungen, für die es keine aktuellen und exakten Zahlen gebe, will Russ aber nicht von einem "Boom" sprechen. Er gibt zu bedenken: "Ein gut organisiertes Festival ist die Herausforderung überhaupt und der Ritterschlag für jeden Veranstalter."

Der Konzertmanager André Lieberberg sieht in Deutschland sogar wenig Chancen für neue große Festivals. "Es gibt genügend Beispiele für Veranstaltungen, die sich schwertun", sagt der Veranstalter von Rock am Ring und Rock im Park. Neue Musikfeste müssten in Städten entstehen oder musikalische Nischen besetzen - derzeit seien dies zum Beispiel Indie oder Elektro. "Diese Entwicklung wird noch etwas weiter gehen", sagt Lieberberg, der mit seinem Vater Marek Tourneen, Konzerte und Shows in ganz Europa organisiert.

Die Wichtigkeit des Live-Geschäftes angesichts sinkender CD-Verkäufe ist in der Branche seit Jahren unumstritten. "Das spüren wir bei den Hallentourneen, aber noch intensiver bei Festivals", sagt Russ. Bei Rock am Ring/ Rock im Park mit 160.000 Besuchern und einem Ticketpreis von 170 Euro "ist die finanzielle Bedeutung für den Künstler und die Veranstalter eine klare Sache". Tilmann Richter, beim Label Universal Music für den Livesektor zuständig, betont: "Für viele Künstler ist es die Gelegenheit, in den traditionell schwachen Tourmonaten durch zusätzliche Auftritte Geld einzunehmen."

Russ rät aber, vor der Planung eines neuen Festivals vor allem einen Blick auf die Deutschlandkarte zu werfen: "Wo die großen Festivals sind, kann ich nichts mehr drum rum machen. Ich muss Nischen finden." Nicht nur örtlich, sondern auch musikalisch oder thematisch - "wie die Verbindung zu einem Branchentreff beim Reeperbahn Festival". Und auch dann gebe es "Grenzen, weil Zuschauer nur ein bestimmtes Budget für Konzerte zur Verfügung haben".
 
Und wetter.com rät, einen  Blick aufs Wetter zu werfen. Das können Sie hier auf unserem Festivalwetter tun.
 
Trotz der zusätzlichen Spielflächen für Bands schränkt Russ weiter ein: "Wenn ich einen Künstler auf einem Festival vorstelle, ist der als Hallenkünstler im nächsten Jahr nicht mehr so interessant." Zu viele Open-Air-Veranstaltungen könnten also auch nach hinten losgehen. Einen neuen Kuchen für die gebeutelte Musikindustrie sieht Russ daher nicht: "Er verteilt sich nur anders."

Aus Sicht einer Plattenfirma können Festivals für junge Bands vor allem einen Karriereschub bedeuten: "Wenn ein Newcomer bei Rock am Ring spielen kann, ist das eine einmalige Gelegenheit, sich neben den großen Stars wie Metallica und den Toten Hosen zu präsentieren. Das strahlt auch auf das Image des Künstlers aus", sagt Richter von Universal Music. Die Band Kraftklub habe im vergangenen Sommer auf zig Festivals gespielt und so zahlreiche Fans gewonnen. "Wenn eine Band live gut ist, und die Chance hat, so eine Fläche zu bekommen, wird sich das immer auf die Karriere auswirken." Laut Richter ist der Markt zudem "noch nicht gesättigt": "Es gibt bestimmt noch Regionen in Deutschland, wo das Potenzial da ist, noch ein Festival zu veranstalten."

Unbeeindruckt von möglichen Marktchancen zeigt sich der Geschäftsführer der Agentur Creative Talent, Carlos Fleischmann. Der Veranstalter des neuen Greenville Festivals Ende Juli im brandenburgischen Paaren bei Berlin, sagt: "Wir machen es für uns. Und wenn alle sagen, macht das nicht, machen wir es erst recht." Durchdacht ist das Greenville trotzdem: Die Hauptstadt Berlin brauche ein eigenes Festival, sagt Fleischmann. Bisher gebe es nur Tagesveranstaltungen ohne Camping. Musikalisch stoße das Greenville Tore auf, "weil wir sämtliche Genres vertreten haben von Metal bis Dance bis HipHop".

Fleischmann betont zudem: "Erfolg muss man nicht immer nur in Geld aufwiegen." Ein Erfolg sei auch, das Festival trotz der großen Konkurrenz "erstmal hinzubekommen": "Es ist immer schön, wenn man überhaupt was auf die Beine stellt."

Diese Infos jetzt teilen:
Zur News-Übersicht Panorama
Nach oben scrollen