Oma geht online
Smartphone, Onlinebanking, Internetforen, Facebook - "schon die Begriffe sind für viele ältere Menschen abschreckend", sagt Günter Born, Computerfachmann aus Kelkheim und Autor mehrerer Bücher für Senioren im Internet. "Ältere werden aus bestimmten Gesprächsthemen ausgeschlossen", ist die Erfahrung von Holger Heiten, Psychotherapeut, Experte für Lebensübergänge und Leiter der Bildungsstätte "Eschwege Institut": "Viele fragen sich: Wozu sollte ich mich damit jetzt noch beschäftigen?"

Auf diese Weise verlieren viele Ältere den Zugang zur Lebenswelt ihrer Kinder und Enkel. "Wenn ältere Menschen sagen: Die digitale Welt, das ist nichts mehr für mich - dann wächst die Kluft zwischen den Generationen", sagt Holger Heiten. "Dabei wäre da der Kontaktpunkt zu den Jüngeren." Die Themen, die über digitale Medien verbreitet werden, nähmen immer mehr Raum ein. "Aber nach neuesten Erhebungen gibt es immer noch rund 30 Prozent Senioren, die sagen: Für mich hat das Internet überhaupt keine Relevanz", sagt Günter Born.

Dabei lohne es sich auch für Ältere, das Internet zu erkunden - vor allem, um E-Mails schreiben zu können und sich im Netz sicher zu bewegen, sagt Günter Born. "Selbst mit Behörden können Sie oft per E-Mail kommunizieren. Das hat zwei Vorteile: Man muss nicht mehr zum Briefkasten und es ist kostenlos." Auch der Internet-Telefondienst Skype, bei dem sich die Gesprächspartner per Kamera sogar sehen können, sei ein Gewinn für viele Ältere. "Ich erlebe das oft, dass Senioren begeistert erzählen: Ich sehe meine Familie auf dem Bildschirm, als würde sie vor mir sitzen", sagt Günter Born. "Das ist etwas ganz persönliches, was am normalen Telefon nicht möglich ist." Zudem sparten sich die Nutzer die Gebühr - "von Skype zu Skype sind die Telefonate sogar kostenlos", sagt Günter Born.

Nach Einschätzung von Psychotherapeut Holger Heiten profitieren nicht nur die Senioren von ihrer Teilhabe an der digitalen Welt. Auch für die Jüngeren in der Gesellschaft sei es wichtig, dass die Alten dabei sind, sagt er. Mit ihrer Lebenserfahrung und ihrer Gelassenheit wirkten die Älteren ursprünglich als Korrektiv auf die ernste, reglementierte Lebenswelt der Erwachsenen und böten so eine gelassenere Weltsicht an. "Es hat uns immer gut getan, dass solche Menschen zu uns gehören", sagt er. In einer Leistungsgesellschaft gerate dieser Wert jedoch leicht in Vergessenheit oder werde den Alten nicht mehr zugestanden. "Viele Ältere wissen selbst nicht mehr, wo ihre Rolle einmal war oder zukünftig sein könnte. Manche haben sich mit dieser Trostlosigkeit auch ein Stück abgefunden."

Die Frage, wie auch Senioren in der digitalen Welt ihren Platz finden können, sei deshalb für alle wichtig. "Wenn wir uns wieder darauf besinnen, dass es der größte Fehler der modernen Welt war, sich von der Altersweisheit abzuschneiden, dann müssen wir uns fragen: Wie können wir die Älteren wieder dazu einladen, das soziale Leben effektiv mitzugestalten?", sagt Holger Heiten. "Da ist die digitale Welt sicherlich eine Brücke."

Menschen, die Senioren helfen, über diese Brücke zu gehen, gebe es fast überall, sagt Günter Born. In vielen Orten und Gemeinden finde man ehrenamtlich geführte Computerkurse oder Internetcafés für Senioren, die kostenlos oder sehr günstig seien, sagt er. "Da herrscht eine Atmosphäre, wo die Leute die Technik entspannt erlernen können", sagt der Fachmann, der früher selbst solche Kurse geleitet hat. Und für das Erfolgserlebnis des ersten E-Mail-Wechsels reiche auch der ausrangierte Laptop der Enkel völlig aus.

Der Weg in die digitale Gesellschaft ist für Senioren auch ein Schritt in die Lebenswelt ihrer Kinder und Enkel. Statt vor Begriffen wie Onlinebanking und Facebook zurückzuschrecken, können sie nachfragen, mitreden und mitgestalten. Zum Wohle aller - davon ist Holger Heiten überzeugt: "Wenn klar wird, dass ihre Teilhabe am sozialen Leben der jüngeren Menschen unverzichtbar ist, dann wären die alten Leute sicher die letzten, die sagen: Ich doch nicht."