Fast jeder, der schon einmal zur See gefahren ist oder nur mit einer Fähre bei unruhigem Wetter vom Festland zur Insel übergesetzt ist, kennt das Gefühl im Magen. Es wird einem flau, die Beine geben nach und der Schweiß bricht aus - man ist seekrank. Dabei handelt es sich keineswegs um eine Krankheit, sondern um eine ganz normale (und eigentlich sinnvolle) Reaktion.

Sinnvoll???

Beim auf und ab auf einem Schiff melden die sensibeln Nerven und Rezeptoren in den Muskeln, dass der Mensch mehr oder minder stillsteht. Die Augen sehen aber die vorbeiziehende Umgebung und melden schnelle Fortbewegung. Das Gleichgewichtsorgan gibt je nach Kurven, Beschleunigung und Steigung der Strecke Meldungen, die nicht unbedingt mit den vorgenannten Meldungen der anderen Sinnesorgane übereinstimmen. Im Gleichgewichtszentrum des Gehirns kommen also ganz widersprüchliche Meldungen an und diese lösen den Schwindel und die Übelkeit aus. Es ist also eine Reaktion auf Beschleunigungsreize, an die der betreffende Mensch noch keine Anpassungsmechanismen entwickelt hat.

Jetzt die gute Nachricht: Bewegungsschwindel setzt ein einigermaßen intaktes Gleichgewichtsorgan voraus, ist also eher ein Zeichen von Gesundheit des Gleichgewichtsorgans.

Auch Erbrechen macht Sinn: Durch die Magenentleerung wird der Blutfluss im Magendarmtrakt vermindert und somit dem Gehirn und den Muskeln im Rahmen eines Stressreflexes vermehrt Blut zur Verfügung gestellt. Die Bewegungskrankheit kann also auch als Warnsignal angesehen werden, das dem Körper die Notwendigkeit anzeigt, sich aus einer bedrohlichen Situation rechtzeitig zurückzuziehen.

Während der Entwicklungsgeschichte hat sich das Sinnessystem des Menschen an das Zusammenspiel der Reize aus dem Gleichgewichtsorgan, der sensiblen Nerven und Rezeptoren in den Muskeln und der Sehreize angepasst. So ist Fortbewegung in aufrechter Körperhaltung erst möglich. Wenn wir uns willentlich fortbewegen wird im Gehirn die Bewegung aktiviert. Wir gehen also los und anschließend simuliert das Gehirn die Bewegung für die Sinnesorgane. Diese Information wird dann im Zentralnervensystem in Signale integriert, die die wahrgenommene Körperhaltung in Relation zur Schwerkraft und Bewegung melden. Man kann sich das etwa so vorstellen, dass im Gehirn eine Art Modell für die Körperbewegungen und ihre Dynamik existiert. Schon bei der Planung einer Bewegung werden die daraus resultierenden (und erwarteten) Informationen der Sinnesorgane vorausberechnet. Ist nun die Art der Fortbewegung neu, fehlt ein entsprechendes Modell im Gehirn. Erwartete Bewegungsabläufe entsprechen nicht den Wahrnehmungen und bei großen Differenzen kann es zu einer momentanen Überforderung und damit zur Reisekrankheit kommen.

Seekrankheit verschwindet regelmäßig, wenn wieder fester Boden betreten wird, also spätestens im nächsten Hafen. Nach 1 bis 3 Tagen hat sich der Organismus meist an das neue Umfeld gewöhnt, also quasi sein eigens Bewegungsmodell angelegt.